Unter Tieren zerrissen – Eine Kurzgeschichte

Unter Tieren zerrissen

Wolf stand in seiner Haustür und schaute das Ding an. Er schaute zu seiner jüngsten Tochter, die danebenstand, und dann wieder zu dem Ding vor seiner Haustür.

„Was soll das Ding hier?“, fragte er seine Tochter. Er zitterte vor Wut. „Warum hast du das angeschleppt?“ Seine Tochter stand neben dem Ding. Das Ding war ein hüfthoher durchsichtiger Ball, der mit einer wässrigen Flüssigkeit angefüllt war, in der eine merkwürdige Kreatur schwamm.

„Ich wollte dich ihm vorstellen.“, sagte die Tochter und lächelte gezwungen. Das Ding in der Kugel schaute Wolf mit großen schwarzen Augen an.

„Was soll ich damit?“, fragte Wolf seine Tochter und bemühte sich, dem Ding nicht in die Augen zu schauen. Der Kopf des Dings war an einem schmächtigen Körper befestigt. Von einer verkümmerten Brust gingen zwei Stöckchen aus, die die Arme sein sollten. Die Hände waren zu Flossen verkümmert, aus denen die Finger nur noch schwach herausschauten. Unterhalb des Bauches begannen zwei derart kleine Beinchen, dass Wolf sie erst gar nicht erkannte. Sie schlugen hinter dem Ding in gleichmäßigen Bewegungen auf und ab und hielten seinen Körper so in der Kugel in der Schwebe.

„Du sollst gar nichts damit.“, antwortete ihm seine jüngste Tochter, „Aber ich will etwas mit ihm. Ich will ihn heiraten.“ Wolfs Gesicht lief rot an. Die Kreatur in der Kugel öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber es kamen nur leere Luftblasen heraus, die zur Decke der Kugel aufstiegen und sich dort verloren. Wolf sah das Ding an.

„Bist du verrückt?“, rief er lauter, als er es beabsichtigt hatte, „Das Ding und…“ Er musste husten. Dann beugte er sich nach vorne aus seiner Haustüre raus und schaute die Straße rauf und runter. Es war keiner zu sehen. Wolf setzte noch einmal an: „Das Ding und heiraten?“, wiederholte er, „Ich kann noch nicht einmal einen Penis sehen. Du kannst doch das nicht heiraten.“ Seine jüngste Tochter schaute ihn an. Sie trug ein weißes Kleid. Hinter ihr war der kleine Vorgarten grün im ankommenden Frühling. Wolf schwitzte leicht. Das Ding hatte seine großen Augen Wolfs jüngster Tochter zugewendet. Es schlug immer noch langsam mit seinen Armen und Beinen in der Kugel, um nicht hinunterzusinken.

„Ja, ich will ihn heiraten.“, sagte seine Tochter und ein Windstoß lüftete ihr Kleid, sodass es an ihren Beinen herumspielte. Wolf schüttelte den Kopf. Ein Mann kam die Straße hoch. Wolf lehnte sich wieder aus der Haustür raus. Es war Papageier, der gerade kam. Einer der Nachbarn. Wolf ging in den Garten und stellte sich vor das Ding. „Grüß dich, Papageier.“, sagte er und versuchte, die Kugel hinter ihm gut zu verdecken.

„Tag Wolf.“, antwortete Papageier. Seine jüngste Tochter eilte Papageier entgegen. Wolf fluchte leise. Sie hatte schon immer etwas an diesem Papageier gefunden. Papageier, dieser schleimige Typ mit dem langen Hals und der Langhaarfrisur, der immer etwas zu erzählen hatte.

„Herr Papageier, was würden Sie sagen, wenn ich verliebt bin?“, fragte die Tochter und begrüßte ihn mit einer Umarmung. Herr Papageier fasste sie an den Schultern und sah sie an. „Doch nicht in mich?“, fragte er und lachte dabei mit seinem großen Mund. Er war viel älter als die Tochter. Die Tochter lachte auch und erwiderte: „Nein, nicht in Sie.“ Wolf stand vor der Kugel und schaute dunkel. Er mochte Papageier nicht. Papageier sah die Tochter an und sagte: „Wenn’s ein toller Kerl ist, dann kann ich nur beglückwünschen.“ Die Tochter löste sich von ihm. „Kommen Sie. Ich zeige ihn Ihnen. Er ist hier.“, sagte sie und ging Papageier voraus in Wolfs Garten. Wolf machte eine abwehrende Geste »Nicht in meinen Garten«, dachte er noch, als Papageier der Tochter schon gefolgt war. Sie standen jetzt beide vor Wolf in Wolfs Garten. Papageier lächelte Wolf an, Wolf lächelte gequält zurück.

„Du stehst ja davor, Papa.“, rief die Tochter, „Geh doch mal zur Seite.“ Wolf wollte aber nicht zur Seite gehen und blieb vor der Kugel stehen und spannte seine Muskeln an. Die Tochter ging zu Wolf und rollte die Kugel hinter ihm hervor. Die Kreatur in der Kugel überschlug sich mehrfach und paddelte wild herum. Papageier schaute sie an. Sein Mund stand offen „Was ist das denn?“, fragte er die Tochter. „Das ist Ranaël. Mein Freund, den ich heiraten will“, strahlte diese. Wolf schüttelte den Kopf. Sogar der Name der Kreatur war seltsam. Papageier wiegte seinen Kopf auf dem langen Hals hin und her. Die Kreatur schaute ihn aus ihren schwarzen Augen an. „Wenn du ihn wirklich liebst, dann sollte dem nichts hinzuzufügen sein.“, sagte er schließlich und wandte seinen Kopf ab. Wolf sah schon den Ansatz eines spöttischen Lächelns in seinem Gesicht stehen. Die Tochter umarmte ihn wieder. „Ja und stell dir vor. Mein Vater hier ist dagegen.“, rief sie und zeigte auf Wolf. Papageier sah Wolf an, verzog spöttisch den Mund und sagte: „Ach Wolf, wirst du es denn nie lernen, dass sie tun, was sie wollen?“ Dann verabschiedete er sich und ging. Auf der Straße brach er in ein kurzes Lachen aus und hastete weiter zu seinem Haus. Wolf sah ihm nach. Er wusste, was jetzt kommen würde. Papageier würde alle anderen Nachbarn anrufen und von diesem Ding da erzählen. Und dann würden alle davon wissen. „Wirklich toll!“, sagte er zu seiner Tochter. Sie schaute ihn an. „Papageier hat Verständnis für mich!“, rief sie. „Verständnis!“, schrie Wolf, „Verständnis für deine Blödheit, so blöd kann man gar nicht sein!“ Er ging in sein Haus und kam wenig später mit einer langen Nadel zurück. „Ich zeig‘ dir jetzt einmal, was das für ein Ding ist, was du hier angeschleppt hast!“ Wolf stieß die Nadel in die Kugel, die Tochter schrie auf. Wolf brauchte wenig Kraft, um die Kugel zu durchdringen. Die Nadel drang durch die Flüssigkeit und stieß in die Kreatur. Die fing panisch an zu paddeln und schaute Wolf aus ihren großen Augen an, während sie versuchte, in ihrer Kugel Abstand zu ihm zu gewinnen. Die Tochter kniete sich neben die Kugel und umarmte sie. Wolf war außer sich. „Ein Schwächling ist das, nicht mehr!“, brüllte er, „Und den schleppst du an, um ihn zu heiraten!“

Die Tochter stand auf. „Ja, ich werde ihn heiraten.“, sagte sie ruhig, „Und ich pfeif‘ auf dein Einverständnis.“ Wolf schaute sie an, dann die Kreatur. Sie schwamm unruhig in ihrer Kugel hin und her. An der Nadel hing noch etwas von der Flüssigkeit. Wolfs Zorn war verschwunden. Er erinnerte sich an seine Tochter, wie sie geboren wurde. Wie er sie in den Arm genommen hatte, mit ihr spielte, sie auf die besten Schulen schickte, immer alles getan hatte, damit sie erfolgreich und glücklich würde und wie sie dann eines Morgens glücklich mit diesem Ding da auftauchte. Er holte tief Luft. „Du bist meine Tochter.“, sagte er, „Und ich will dir nur das Beste. Und weil ich dir nur das Beste will, werde ich dich jetzt retten.“ Nachdem Wolf das gesagt hatte, nahm er die Kugel, in der die Kreatur sich hin und herwarf. Er ging mit ihr durch den Garten, die Tochter schrie und lief hinter ihm und schlug ihm auf die Arme. Draußen auf der Straße, wo ihn alle Nachbarn aus ihren Fenstern sehen konnten, hob Wolf die erstaunlich leichte Kugel mit der Kreatur über seinen Kopf und warf sie auf die Straße. Es machte leise Plopp als die Kugel zerplatzte. Die Flüssigkeit lief die Straße hinunter zu einem nahegelegenen Gullideckel, wo sie im Abwasser verschwand. Die Kreatur wand sich auf der Straße. Die Tochter kniete neben ihr. Wolf lächelte. Er ging in sein Haus. Aus seinem Fenster heraus sah er mit allen Nachbarn, wie die Kreatur auf der Straße zerlief und als geleeartiger Fleck verblieb.

Gerry Huster

Der „Sinn des Lebens“

Die Frage nach dem Sinn im Leben ist eines der grundsätzlichsten Dinge, die den Menschen von den Tieren unterscheiden. Seit der Mensch Zeit hat, Gedanken auf Themen zu verwenden, die nicht auf das unmittelbare Überleben gerichtet sind, versucht er, diese Frage zu beantworten. Trotzdem ist es noch nicht gelungen, den Sinn des Lebens eindeutig festzustellen, was daran liegt, dass diese Frage in verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich angegangen wurde. Die Frage universal und „richtig“ zu beantworten ist unmöglich, da jeder Mensch individuell ein eigenes Ziel und somit auch einen eigenen Sinn im Leben festlegt kann und soll. Niemand kann also den Sinn des Lebens definieren. Aber jeder kann und sollte es auch versuchen:

Um den Sinn im Großen -also im Leben- zu finden, muss man erst einmal schauen, wo es Referenzen im Kleinen gibt, von denen man auf das Große schließen kann. Schon Aristoteles hat festgestellt, dass jede Handlung des Menschen im Kleinen einen Sinn hat und ein Ziel erfolgt. Jeder Mensch produziert etwas zu einem Zweck. Ein Färber zum Beispiel färbt Stoffe, damit diese an den Schneider verkauft werden, damit diese zu einem Anzug geschnitten werden, damit diese von einem Menschen getragen werden, damit diese nicht frieren etc. schon die kleinsten Kinder erkennen dieses Prinzip und nutzen es zu ihrer Freude mit den ewigen Warum-Fragen, die jeder, der schon einmal mit Kleinkindern zu tun hatte, kennen wird. Damit testen sie die Grenzen des Wissens der Erwachsenen, wohl wissend, dass diese Frage nach dem Warum nicht zu einem Ende geführt werden kann. Das liegt daran, dass kein uns bekanntes Sinn-System in sich geschlossen ist. Ein Stück Stoff etwa bekommt nicht dadurch einen Sinn, dass es an einen Schneider verkauft und zu einem Anzug genäht wird, und ein Anzug erhält seinen Sinn nicht bloß dadurch, dass er getragen wird, und die Tatsache, dass der Anzug getragen wird, nicht bloß dadurch, dass sie den Träger vor Kälte schützt, sondern in dem Sinn, der einzelnen Objekten zugewiesen wird, lässt sich immer ein weiterer Sinn entdecken.

Genau das gleiche System lässt sich nun im menschlichen Leben wiederfinden. Niemand existiert, nur damit er existiert, sondern, um sich zu bilden, Nachkommen zu zeugen, den evolutionären Prozess fortzuführen, um … was eigentlich? Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist also die Frage nach dem Ende dieser scheinbar endlosen -und damit auch sinnlosen- Aneinanderreihung von kleinen Sinnen.

Welche Voraussetzungen  muss dieses Ende also haben? Zum ersten müsste es sich selbst zum Sinn haben, damit die irdische Sinnkette nicht fortgeführt wird. Das heißt, es muss existieren, um zu existieren. Das setzt aber auch voraus, dass es ewig ist. Denn etwas, das nicht ewig ist und also irgendwann rest- und spurlos verschwunden sein wird, kann nicht sich selbst zum Sinn haben, da es diesen Sinn durch seine Vergänglichkeit nicht erfüllen würde und somit auch nicht anderen Dingen zum Sinn dienen könnte. Welchen Sinn hat ein Goldstück, dass unbemerkt für den Bruchteil einer Sekunde in der Tasche einer armen Bettlerin auftaucht? Und welchen Sinn hat dann ein Universum, dass unbemerkt von allem anderen für einen an der Ewigkeit gemessenen so kleinen Zeitraum auftaucht und wieder verschwindet? In beiden Fällen lautet die Antwort: für sich genommen keinen. Das Goldstück hätte aber dann einen Sinn, wenn es etwas Gold in der Tasche der Bettlerin zurücklassen würde, sodass ihr ein unverhoffter Geldsegen zuteilwird. Und genau so verhält es sich mit allen Dingen im Universum: Wir erhalten erst dadurch einen Sinn, dass wir einen Einfluss und sei er auch noch so klein und indirekt auf etwas Größeres und Unendliches haben. Viele Menschen nennen dieses Größere Gott.

Einen Sinn nur auf der Erde -zum Beispiel im Vergnügen- zu suchen, hält jedoch vor dieser Argumentation nicht stand. Denn alles, was von seinem eigenen Vergnügen beeinflusst wird -man selbst und u.U. seine Mitmenschen- ist vergänglich. Erst, wenn man von einer ewigen Instanz ausgeht, die von diesem Vergnügen beeinflusst wird (ob positiv oder negativ spielt hierbei keine Rolle), erhält das Vergnügen einen Sinn.

Gerry Huster