Abgang

Abgang

Jetzt geht er endlich unter
Mein selbstgequälter Geist
Es war zu viel für den, der
Vom großen Spiegel weiß

Es war zu viel zu sehen
Im Silber hell und klar
Wo zwischen weißen Stelen
Nur blauer Nebel war

Nun ist der Schein erblindet
Und ich weiß nicht, woher
Und alles, was sich findet
Ist ruhiges, großes Meer

Ein einsamer Gedanke
Läuft nicht, wohin ich will
Ein Mensch hält diese Schranke
Vor der ich stehe, still

Gerry Huster

Ein Faden Wolle

Ein Faden Wolle

Was sind Gedichte als blühende Worte?
Große Blumen in scheu gemähtem Rasen
Von Händen geformt, von Tränen begossen

Was sind Tränen als Stärke?
Und Schwäche, sie zurückzuhalten
Ein Mensch, der nach außen drängt

Was sind Menschen als vergehende Sterne?
Einsam strahlend am gemeinsamen Himmel
Langsam verglühend zum Zwerg

Gerry Huster

Ruhe

Ruhe

Die Katze schläft, sie hat sich grad geputzt
Mit rauer Zunge übers Fell und gähnte leicht verdutzt
Jetzt liegt sie ruhig, die Pfote auf dem Mund
Und krummem Rücken; schön ist das und rund

Wie ich die Katze da so ruhen seh‘
Stockt mein Schritt, mein Herz rast unvermindert
Und jagt voll Angst durch immergrünen Klee
Den es zertrampelt und am Blühen hindert

Auch ich möcht‘ gerne ruhen wie das Tier
Vom Arbeiten ist schon mein Rücken krumm
Und müd‘ vom Feiern falle ich bald um

Doch wie ich da so lieg‘, tickt schon die Uhr
Und mahnt mich, denn die Zeit besteht nicht nur
Drum steh‘ ich auf, der Ruhe fremd: Ich bin ein Mensch

Gerry Huster

Dummheit?

Dummheit?

Seht nur die Kuh, sie kaut
Zweimal, denn sie ist dumm
Auf Dummheit ist ihr Kauen aufgebaut
Aus Dummheit bleibt sie lieber stumm

Wir jedoch, die wir die Welt gewonnen
Wir schlingen runter das, was wir bekommen
Lieber trunken nachgespült als gut gekaut
Und uns’re Stimmen klingen dünn und laut

So steh’n wir schwanken vor der Kuh, die ihre Augen
Nur halb geöffnet hat und weiterkaut
Und uns nicht sieht, weil sie doch gar nicht schaut

Nur ab und zu hört man sie Luft einsaugen
Wenn sie mit Wiederkäuen fertig ist
Hebt sie den Schwanz und macht ’nen Haufen Mist

Gerry Huster

Gespräch mit einem (schuldigen) Menschen

Gespräch mit einem (schuldigen) Menschen

Direkt hinter der Haustür ist bei mir der Ort, der in jedem Haus
Gebraucht wird, um den Körper Körper sein zu lassen
Und fortzuschaffen all die Massen
Die ganzen Jahre presst er unten raus

Manchmal, wenn man dort sitzt und es unter einem dröhnt
Fliegt ein Brief herein, das ist ganz nützlich, denn
Da er doch meistens nichts zu sagen hat und wenn
Dann kommt sicher ein zweiter Brief, ich hab‘ mich dran gewöhnt

Drum kann ich ohne Sorgen diesen Brief
Tief in das Ungesagte führen
Und dabei mit Erschauern spüren
Wie er mich befreit von dem, was aus mir lief

Nur einmal kam ein Brief zu spät
Ich stand schon auf und war bereits befreit
Vom dunklen Klumpen der Vergangenheit
Ich nahm und las in ihm: Es steht in Pflicht, wer sät

Gerry Huster

Spaziergang über einen Friedhof

Spaziergang über einen Friedhof

Die Einrichtung der Welt ist schwer ergründlich
Und niemals ganz das Dickicht zu durchschau’n
Des Lebens Blatt hängt schwach und fällt vom Baum
Es scheint manchmal zu früh; zu spät; nie pünktlich

Ein Wind ist schwer zu fassen, denn er fließt
Durch uns’re schwachen Hände, wenn er will
Und scheint die ganze Welt in Trauer still
Sieht man im Fluss, wie Leben sich ergießt

Man steht dort zwischen Steinen, ist verblieben
Aus jedem Toten wächst ein fauler Zahn
Darunter liegt wer, dessen Weg getan

Voll Scham wird er von dieser Welt gemieden
(Das sah ich auf einen Grabstein geschrieben
Ganz zufällig)

Gerry Huster

Geburt

Aus Impressionen eines Kindes

Geburt

Als Ich geboren war, lag ich in einem Raum auf einem weißen Bett, drei Menschen um mich rum. Der erste Mensch lag vor mir mit gespreizten Beinen und ich konnte die beiden Öffnungen sehen, die in seinen Körper hineinführten. Er zitterte und keuchte und ich erinnerte mich, dass er noch vor wenigen Momenten viel zu laut geschrien hatte. Eine Spur aus Schleim, Blut und anderen Ausscheidungen führte von ihm zu mir und ich fühlte mich ihm durch das Blut und die Ausscheidungen verbunden. Auch ich war, wie ich feststellte, mit diesem Schleim bedeckt. Als ich mich umdrehte, sah ich den zweiten Menschen. Er saß mir gegenüber auf einem kleinen Stuhl. Ein Schweißtropfen floss träge seine Wange hinab. Er hob seine Hand und winkte mir zu und verzog sein Gesicht auf merkwürdige Weise, dass seine Zähne rausschauten und die Mundwinkel nach oben wanderten.

Der dritte Mensch, den ich bis dahin nicht gesehen hatte, nahm mich hoch und schnitt mir ein Stück Haut ab, das aus meinem Bauch raushing und dort ein kleines Loch hinterließ. Ich sah zu, wie das Stück Haut von mir ab und zu Boden fiel. Der dritte Mensch nahm mich hoch und schlug mir leicht auf den Rücken. Ich fing an zu schreien, als ich den Stoß durch meinen Körper gehen spürte, und der dritte Mensch gab mich dem ersten Menschen und legte mich auf ihn drauf. Der erste Mensch trug ein weites weißes Kleid, das er öffnete und eine Brust quoll daraus hervor, die er mir zwischen meine schreienden Lippen führte und ich saugte daran und trank eine süße Flüssigkeit.

Während ich trank, spürte ich, wie die Erinnerungen an einen dunklen Ort, wie ich schlief und schwamm und gewesen war, und an das Schreien und das schmerzhafte Pressen verschwanden. Ohne zu wissen, was das war, wusste ich, dass ich leben wollte.

Gerry Huster

Erste Verklärungen

Erste Verklärungen

Wenn sie einem ein Denkmal errichten wollen
Ist sein Körper schon krank und
Die Haut auf seiner Stirn zerfressen wo
Sie ihn schlugen und schlagen ließen

Sie aber zeichnen ihn und
Machen ihn gesund und geben
Ihm eine Stirn die glatt
Und sorglos ist frei von ihren Malen

Wenn sie dann auf den Stein einhauen
Schneiden sie seinen krummen Körper ab gleich unter
Dem Hals noch lang genug
Um eine Schlinge drum zu legen

Und er schaut in das fremde Gesicht aus Stein
Schön ist es nicht für ihn
Sondern für sie gemacht
Und mitleidig sieht er in ihnen
Das Hässliche, das sie aus ihm herausgeschnitten haben

Gerry Huster

Versuchte Begegnung

Versuchte Begegnung

Wenn an einem schönen Tag zwei entgegenkommen
Und der Eine verspürt den Drang die Hand an den Hut zu legen
Dann nickt der Andere und stumm
Aus der Ferne grüßen sie sich
Denn man könnte so viel voneinander erfahren

Wenn sie dann stumm weitergehen
Aneinander vorbei
Sind beide erleichtert
Über die glückliche Begegnung

Gerry Huster

Die Entdeckung der Anderen

Die Entdeckung der Anderen

Ich sitze in einem raum
alleine, sonst
ist der raum mit menschen gefüllt und
verstopft doch jetzt
sehe Ich staunend die leeren wände egal

wie Ich mich aufblase hier
alleine, groß
und blank bleiben die wände und
ich selber kann
sie nicht ausfüllen ohne die Anderen

Gerry Huster