Mikrowellengerichte (10.08.2021)

Mikrowellengerichte

Da sitzen sie bieder
Und konsumieren
Konsumkritik
Auf vorgewärmten Sesseln

Sie kleiden sich lächelnd
Und kritisieren
Den, der sie kleidet
Weil jener aus anderem Fett ist als jene

Zufrieden grinsend
„Jetzt sind sie nirgendwo mehr vor uns sicher“
Dabei will das doch keiner
Vor Euch sicher sein

Gerry Huster

Vergangene Zeiten (16.04.2021)

Vergangene Zeiten

Der Wecker auf 6 Uhr
Relikt aus vergangenen Zeiten
Hau drauf!
5 Minuten, 5 Stunden
Relikte auch das

Arbeit und Freizeit fließen
Ineinander über auf
derselben Couch
Der Bildschirm bleibt gleich, das Fenster
Relikt aus vergangenen Zeiten

Alleine zu trinken ist nicht so schlimm
Wenn es Wein ist und man
Dazu Chopin hört, hat es Stil
Der Cocktailshaker lacht im Regal
Ein Leben voller Relikte

(Happy Birthday to you…)

Gerry Huster

Die Jahrtausendwandler

Die Jahrtausendwandler (30.12.2020)

Sie sind große Menschen am Horizont
Viele kleine Körper sind in ihnen Stücke schwarzen Fleischs
Das hat die Sonne verkohlt über all die Jahre und
Die Augen sind trübe langsam
Laufen sie, treiben die Jahrtausende vor sich her
Sie trieben schon das Letzte, sie jagen auch noch dieses
Und nicht das Übernächste wird ihnen eine Heimat sein

Auf harte Böden prallen schwer ihre Schritte
Keine Abdrücke bleiben zurück
Aber die Wälder!
Von denen jeder weiß
Und durch die niemand sieht


Langsam laufen sie am Horizont
Und so wie die Welt größer wird
Kommt der Horizont immer näher heran
Und entschwindet ihren Schritten
Der ganze Rest

Sie sind verloren im Jahrtausend
Und ihre Lieder werden geteilt
Noch lang nur durch sie selber

Gerry Huster

Nächtliche Tänze

Nächtliche Tänze (30.12.2020)

Blätter — welk — von der Rose
Nach und nach befreit
Legen sich in den Wind

Ich bin es nicht — nein
Schau, fass mich nicht an
Ich bin der vor mir, der Fremde
Unbekanntes Wesen, hoch-
geklappter Mantelkragen
Ich bin nur
Eine Jacke mit nichts drunter Au-
tomat, geh rüber zu mir
Ich bleibe hier auf meiner Scholle steh’n

Falle, schwarzer Schnee
Leichte Flocken die Rose
Verliert ihre Blätter zu viel
War gut zu ihr

Gerry Huster

Vergiss es

Vergiss es

Was sind das für Zeiten?
In denen
Ein Mensch
König sein kann der Welt
Schwimmend in Gold und Fleisch

Und

In denen
Ein Mensch!
Ganz unten sein kann in dieser Suppe
Zwischen Erde und Knorpel

Schau auf von deinem Papier
Nein!
Tu es besser nicht

Gerry Huster

Abgang

Abgang

Jetzt geht er endlich unter
Mein selbstgequälter Geist
Es war zu viel für den, der
Vom großen Spiegel weiß

Es war zu viel zu sehen
Im Silber hell und klar
Wo zwischen weißen Stelen
Nur blauer Nebel war

Nun ist der Schein erblindet
Und ich weiß nicht, woher
Und alles, was sich findet
Ist ruhiges, großes Meer

Ein einsamer Gedanke
Läuft nicht, wohin ich will
Ein Mensch hält diese Schranke
Vor der ich stehe, still

Gerry Huster

Ein Faden Wolle

Ein Faden Wolle

Was sind Gedichte als blühende Worte?
Große Blumen in scheu gemähtem Rasen
Von Händen geformt, von Tränen begossen

Was sind Tränen als Stärke?
Und Schwäche, sie zurückzuhalten
Ein Mensch, der nach außen drängt

Was sind Menschen als vergehende Sterne?
Einsam strahlend am gemeinsamen Himmel
Langsam verglühend zum Zwerg

Gerry Huster

Ruhe

Ruhe

Die Katze schläft, sie hat sich grad geputzt
Mit rauer Zunge übers Fell und gähnte leicht verdutzt
Jetzt liegt sie ruhig, die Pfote auf dem Mund
Und krummem Rücken; schön ist das und rund

Wie ich die Katze da so ruhen seh‘
Stockt mein Schritt, mein Herz rast unvermindert
Und jagt voll Angst durch immergrünen Klee
Den es zertrampelt und am Blühen hindert

Auch ich möcht‘ gerne ruhen wie das Tier
Vom Arbeiten ist schon mein Rücken krumm
Und müd‘ vom Feiern falle ich bald um

Doch wie ich da so lieg‘, tickt schon die Uhr
Und mahnt mich, denn die Zeit besteht nicht nur
Drum steh‘ ich auf, der Ruhe fremd: Ich bin ein Mensch

Gerry Huster

Dummheit?

Dummheit?

Seht nur die Kuh, sie kaut
Zweimal, denn sie ist dumm
Auf Dummheit ist ihr Kauen aufgebaut
Aus Dummheit bleibt sie lieber stumm

Wir jedoch, die wir die Welt gewonnen
Wir schlingen runter das, was wir bekommen
Lieber trunken nachgespült als gut gekaut
Und uns’re Stimmen klingen dünn und laut

So steh’n wir schwanken vor der Kuh, die ihre Augen
Nur halb geöffnet hat und weiterkaut
Und uns nicht sieht, weil sie doch gar nicht schaut

Nur ab und zu hört man sie Luft einsaugen
Wenn sie mit Wiederkäuen fertig ist
Hebt sie den Schwanz und macht ’nen Haufen Mist

Gerry Huster