Dummheit?

Dummheit?

Seht nur die Kuh, sie kaut
Zweimal, denn sie ist dumm
Auf Dummheit ist ihr Kauen aufgebaut
Aus Dummheit bleibt sie lieber stumm

Wir jedoch, die wir die Welt gewonnen
Wir schlingen runter das, was wir bekommen
Lieber trunken nachgespült als gut gekaut
Und uns’re Stimmen klingen dünn und laut

So steh’n wir schwanken vor der Kuh, die ihre Augen
Nur halb geöffnet hat und weiterkaut
Und uns nicht sieht, weil sie doch gar nicht schaut

Nur ab und zu hört man sie Luft einsaugen
Wenn sie mit Wiederkäuen fertig ist
Hebt sie den Schwanz und macht ’nen Haufen Mist

Gerry Huster

Gespräch mit einem (schuldigen) Menschen

Gespräch mit einem (schuldigen) Menschen

Direkt hinter der Haustür ist bei mir der Ort, der in jedem Haus
Gebraucht wird, um den Körper Körper sein zu lassen
Und fortzuschaffen all die Massen
Die ganzen Jahre presst er unten raus

Manchmal, wenn man dort sitzt und es unter einem dröhnt
Fliegt ein Brief herein, das ist ganz nützlich, denn
Da er doch meistens nichts zu sagen hat und wenn
Dann kommt sicher ein zweiter Brief, ich hab‘ mich dran gewöhnt

Drum kann ich ohne Sorgen diesen Brief
Tief in das Ungesagte führen
Und dabei mit Erschauern spüren
Wie er mich befreit von dem, was aus mir lief

Nur einmal kam ein Brief zu spät
Ich stand schon auf und war bereits befreit
Vom dunklen Klumpen der Vergangenheit
Ich nahm und las in ihm: Es steht in Pflicht, wer sät

Gerry Huster

Erste Verklärungen

Erste Verklärungen

Wenn sie einem ein Denkmal errichten wollen
Ist sein Körper schon krank und
Die Haut auf seiner Stirn zerfressen wo
Sie ihn schlugen und schlagen ließen

Sie aber zeichnen ihn und
Machen ihn gesund und geben
Ihm eine Stirn die glatt
Und sorglos ist frei von ihren Malen

Wenn sie dann auf den Stein einhauen
Schneiden sie seinen krummen Körper ab gleich unter
Dem Hals noch lang genug
Um eine Schlinge drum zu legen

Und er schaut in das fremde Gesicht aus Stein
Schön ist es nicht für ihn
Sondern für sie gemacht
Und mitleidig sieht er in ihnen
Das Hässliche, das sie aus ihm herausgeschnitten haben

Gerry Huster

Versuchte Begegnung

Versuchte Begegnung

Wenn an einem schönen Tag zwei entgegenkommen
Und der Eine verspürt den Drang die Hand an den Hut zu legen
Dann nickt der Andere und stumm
Aus der Ferne grüßen sie sich
Denn man könnte so viel voneinander erfahren

Wenn sie dann stumm weitergehen
Aneinander vorbei
Sind beide erleichtert
Über die glückliche Begegnung

Gerry Huster

Die Entdeckung der Anderen

Die Entdeckung der Anderen

Ich sitze in einem raum
alleine, sonst
ist der raum mit menschen gefüllt und
verstopft doch jetzt
sehe Ich staunend die leeren wände egal

wie Ich mich aufblase hier
alleine, groß
und blank bleiben die wände und
ich selber kann
sie nicht ausfüllen ohne die Anderen

Gerry Huster

(Brand-)Mauer(-Fall)

(Brand-)Mauer(-Fall)

Keine Mauer ist für die Ewigkeit
Von schwachen Händen gemacht
Das haben wir froh in Berlin geseh‘n
Das hält uns jetzt schmerzsam wach

In Berlin wurden wieder zum Schutz vor sich selbst
Mit Worten Mauern gebaut
Und doch wird schon gefressen was blau ist gefärbt
Und braun wird wenn man es verdaut

Die Mauern die sie ringsumher sich gebaut
Sind längst schon zu Fesseln geworden
Sie wackeln im Sturm der rings um sie tobt
Und fallen; Es schützt nichts vorm Morgen

Jede Mauer wird fallen so weiß es die Zeit
Und Schutt wird was groß ist beerben
Und Monster lauern dahinter erdacht
Von uns. Und schon gibt es ein Sterben

Gerry Huster

Über die Aufzucht roter Nelken

Über die Aufzucht roter Nelken

Rote Nelken wachsen gern im Tal auf hartem Boden
Es braucht drum keine Berge doch den Himmel ganz weit oben
Rote Nelken atmen gern der Freiheit höchste Schranken
Sie wollen keinen Dank noch sich bei niemandem bedanken

Rote Nelken wachsen zart und blühen nur von selber
Es darf nur nicht zu dunkel sein und wässre gut die Felder
Rote Nelken wachsen viel und sind doch schnell erloschen
Drum sei mit ihnen viel und schnell und gut und nur gesprochen

Den harten Schritt von braunen Lederstiefeln
Ein Gewehr das in der Sonne blitzt
Und eine Stimme die da schreit parieren

Das Siegelwachs von gut verschlossnen Briefen
Wo sie aus Angst, Wut und Verzweiflung schwitzt
Pass auf, Mensch, denn so vieles kann passieren

Gerry Huster

Gegen die Schuld

Gegen die Schuld

Schwester schau ich will dir schenken
Was mich nicht gehalten hat
Mögest du dich drin versenken
Wo ich aß und wurd nicht satt

Ziehe drum in deine Kämpfe
Nur gestärkt und ausgeruht
Mein Geschenk dien dir zur Sänfte
Ich war hart drum sei du klug

Hast du Kämpfe schon gewonnen
War voll Schmerz doch dein Gesicht
Im Sieg bleibt wenn auch verschwommen
Viel von Glück das Leiden spricht

(Schwester lass dich den verlassen
Der den Krieg verloren hat
Selber muss er sich schon hassen
Wo er aß und wurd nicht satt)

Gerry Huster

Von den drei Menschen die einen Zug ziehen

Von den drei Menschen die einen Zug ziehen
(Auch – politisch zu lesen)

Mit harten kampfgestählten Körpern
Einen grünen Hügel rauf
Ziehen drei Männer einen Zug
Und fragen

Wo gehen wir denn hin?
Was war denn da so schlimm?
Wo liegt darin der Sinn?
Fragen sie
Und im Zug fragen Schweine
Fährt denn der Zug alleine?

Es beißt die Männer rot die Sonne
In die Augen rinnt der Schweiß
Drei Männer fallen vor den Zug
Und klagen

Wir sind doch auch nur drei!
Es geht nicht mehr vorbei!
Wir kommen niemals frei!
Klagen sie
Und im Zug rufen Schweine
Der Zug fährt von alleine!

Rings umher ist flach die Landschaft
Keine Schiene ist zu sehn
Drei Männer tragen einen Zug
Und sagen

Da müssen wir jetzt hin.
Sonst geht es uns sehr schlimm.
Wer fragt da nach dem Sinn.
Sagen sie
Und sagen’s auch die Schweine
Der Zug fährt nicht alleine.

Gerry Huster

Aufleuchten

Aufleuchten

Als der Mond ganz oben stand
War es nüchtern, wie aus Stahl so klar
Dass das Eingeweide sah
Er sich oben statt des Himmels wand
Wie aus Schmerzen

Und die Bäume neigten sich
Tote Äste ohne Laub von Wind
Entblättert: Einer Mutter Kind
Lustig redet er wenn er denn spricht
Vom Vergehen

Nur die Wolken zogen hin
Unbeeindruckt von dem weißen Schein
Über ihnen kalt ein Stein
Der ja da war schon seit dem Beginn
Aller Wolken

Rufend schaut ein Narr den Mond
Zeigt ins schwarze Nichts verlangt nach mehr
Wütend rast ein Wolkenheer
Wo erkaltend er in Ketten wohnt
Um zu töten

Gerry Huster