Reisegedichte: Wieder-Sehen

Wieder-Sehen

Als ich meine Heimat verließ
Da regneten die Wolken als
Ob der Himmel weinen würde
Dass ich fortging

Aber als ich in der Ferne ankam
Da war derselbe Himmel meiner Heimat über mir
Und dieselbe Sonne ließ die Blumen
Auf meinem Grabe erblühen und verdorren
Die auch das Haus meiner Geburt beschienen hatte

Unter diesem Himmel und dieser Sonne
Setzte ich mich
In der Ferne meiner Heimat
Zu Staub und weinte

Gerry Huster

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Frühlingserwachen

Frühlingserwachen

Des Nachts im süßen Schlaf die dunkle Decke
Schnee begrub mich unter kaltem Schein
Ganz weiß und weich dass ich mich nicht erschrecke
Schwindet langsam unbemerkt das Sein

Des Morgens Wärme weckt den alten Schläfer
Wütend schaut die Sonne heute zu
Der Schnee zerrinnt und Matsch ertränkt wie Käfer
Nichts als Sehnsucht bleibt von guter Ruh

Sag, kann denn Schnee nicht Hagel sein
Der mich im Traum erschlägt
Und trägt; aus dieser Welt

Sag, warum ist die Nacht so klein
Was habe ich gewählt!
Es zählt; nichts was behält

Gerry Huster

Glaskörper

Glaskörper

Oh Zukunft

Junge Frau im weißen Brautkleid
Silbern fällt dein Schleier hinten herab
Aus Myriaden fester Brüste
Gibst du deinen Kindern süße Milch

Du alte Frau du immerwährende
Die stetig stirbt und neu geboren wird
Einer Mutter, Freundin, Tochter gleich
Stehst du da mit Strickzeug in den Händen der Geschichten

Schwarz legt sich der Schleier über mein Gesicht
Ganz wie als wäre es das einer Witwe
Und noch die süße Milch verformt
Mein dummer Mund zu kalter Asche

Frohgemut eile ich der Zwangshochzeit entgegen
Zu dir im Brautkleid aller Farben
Allein sehenden Auges kann ich nicht bestehn
Ich fürchte mich vor dir

Gerry Huster

Totengedanken

Totengedanken

Es war mir nicht sehr überraschend
Dass du einen Liebhaber hattest und doch
Als er zu dir kam dich umfassend
Der Mond schien so bleich und er schien immer noch
Da schien die Welt
Für kurze Zeit
Aus Eis zu sein

Ich weiß dass für dich vieles Grün war
Wo ich so viel Schwarzes da sehe nun ist
Das Gras schon am wachsen und fruchtbar
Kommt Frühling grad wo du gegangen und frisst
Und was entstellt
Kann ohne Zeit
Das Höchste sein

Gleich wie dein Geliebter zu dir kam
Kommt meine Geliebte erwartet so bang
Und silbern der Mondschein entblößt dann
Die Scham die uns antreibt verbleibt hier nicht lang
Drum weiß die Welt
In Ewigkeit
Kann Fleisch nicht sein

Gerry Huster

Meiner Großmutter

Lied von der Henkersmachergasse

Lied von der Henkersmachergasse

In der Henkersmachergasse
Stehen kleine graue Hütten
Davor kleine graue Weiber
Und die Greise mit den Krücken

In der Henkersmachergasse
Scheint die Sonne schon zu lange
Auf den Schmutz der Straßengräben
Und die leere Fahnenstange

In der Henkersmachergasse
Stopfen Löcher nur die Taschen
Von den Frauen und den Greisen
Die schon lange nichts mehr fassen

In er Henkersmachergasse
Kommt ein hoher Mann besuchen
Mit den weißen Anzugtaschen
Und missbilligendem Fluchen

In der Henkersmachergasse
Spritzt das Blut der weißen Kälber
Und die Tränen der Verfluchten
Auf die armen Henker selber

Ja die Henkersmachergasse
Ist ein Viertel voller Armer
Die die Reichen sich dann fassen
Und zum Henker machen lassen

Gerry Huster

Der ewige Zustand

Der ewige Zustand

Die Welt ist arm der Mensch ist schlecht
Das schrieb zuweilen Bertolt Brecht
Der Mensch wo ihm nichts übrig blieb
Drum führte fort den großen Krieg
Und Stalin lehnt sich stolz zurück
Er hat die halbe Welt verrückt
Der Krieg war aus es gab ihn nie
C’est la vie

Europa ward entzweigeteilt
Die USA bereits weltweit
Und bald schon gab’s man ahnt es schon
Krieg; mit der Sowjetunion
Dass selbst der Mann im Mond gesagt
Gott sei Dank der INF-Vertrag
Schiffe vor Kuba gab es die?
C’est la vie

Im Porzellan ein Elefant
Amerika gespalten Land
Es bleibt der große Handels-Krieg
Und führt er keinen auch zum Sieg
Im Osten war die Annexion
Europa stört die Union
Soldat, du wünschst dir Frieden, wie?
C’est la vie
Sellerie

Gerry Huster

Moderne

 

Moderne

Ich habe meine Seele
Von aller Last befreit
Und bin nun in der Schwebe
Zu niemals Nichts bereit

Wir fliegen durch die Gassen
Und die Musik beschallt
Man kann uns gar nicht fassen
Denn schon sind wir verhallt

Es glimmen Zigaretten
In Amsterdam am Meer
In promiskuiten Betten
Wiegt niemand mehr noch schwer

Es sitzt ein Kind am Wege
Mit stumpfem Blick und weint
Ich habe meine Seele
Von aller Last befreit!


Gerry Huster