Dreikommaeinsvier

Dreikommaeinsvier

Teil‘ ich eins von zwei mit Einer
Hab‘ ich zwei von eins für mich
Treib‘ ich diese Rechnung weiter
Bis die Logik dran zerbricht

Zwischen bunten Scherbenhaufen
In halber Unendlichkeit
Lernten meine Zahlen laufen
Und sie liefen lachend weit

Jetzt sind ewig Tage, Nächte
Kreisrund die Unendlichkeit
Und mit was ich sie verbrächte
Drängt mich, denn wir haben Zeit

Doch genug von blassen Zahlen
Wo die Erde so schön riecht
Die Zukunft wird das Jetzt bezahlen
Heute sind wir, morgen nicht

Gerry Huster

Abgang

Abgang

Jetzt geht er endlich unter
Mein selbstgequälter Geist
Es war zu viel für den, der
Vom großen Spiegel weiß

Es war zu viel zu sehen
Im Silber hell und klar
Wo zwischen weißen Stelen
Nur blauer Nebel war

Nun ist der Schein erblindet
Und ich weiß nicht, woher
Und alles, was sich findet
Ist ruhiges, großes Meer

Ein einsamer Gedanke
Läuft nicht, wohin ich will
Ein Mensch hält diese Schranke
Vor der ich stehe, still

Gerry Huster

Ein Faden Wolle

Ein Faden Wolle

Was sind Gedichte als blühende Worte?
Große Blumen in scheu gemähtem Rasen
Von Händen geformt, von Tränen begossen

Was sind Tränen als Stärke?
Und Schwäche, sie zurückzuhalten
Ein Mensch, der nach außen drängt

Was sind Menschen als vergehende Sterne?
Einsam strahlend am gemeinsamen Himmel
Langsam verglühend zum Zwerg

Gerry Huster

Drohnenkrieg

Drohnenkrieg

Wenn die Drohnen kommen
Werden sie auf alles schießen
Was ein Gesicht hat und wir werden
Unsere Gesichter verhüllen
Mit schwarzem Tuch

Dann werden die Drohnen
Auf alles schießen, was
Aufrecht geht und wir werden
Uns auf die Knie begeben
In den Schutt uns’rer Städte

Schließlich werden die Drohnen
Auf alles schießen, was Klei-
Der hat; und wir werden
Uns ausziehen, nackt mit fruchtbarem Busen
In dem Blut unserer Kinder

Zuletzt werden die Drohnen
Auf alles
Schießen, was ein Tier ist und endlich
Fallen wir mit den Katzen und Hunden und Mäusen und Ratten und der
Schwarm steigt auf aus leeren Städten. Gesiegt
Hat die Menschheit nicht

Gerry Huster

Ruhe

Ruhe

Die Katze schläft, sie hat sich grad geputzt
Mit rauer Zunge übers Fell und gähnte leicht verdutzt
Jetzt liegt sie ruhig, die Pfote auf dem Mund
Und krummem Rücken; schön ist das und rund

Wie ich die Katze da so ruhen seh‘
Stockt mein Schritt, mein Herz rast unvermindert
Und jagt voll Angst durch immergrünen Klee
Den es zertrampelt und am Blühen hindert

Auch ich möcht‘ gerne ruhen wie das Tier
Vom Arbeiten ist schon mein Rücken krumm
Und müd‘ vom Feiern falle ich bald um

Doch wie ich da so lieg‘, tickt schon die Uhr
Und mahnt mich, denn die Zeit besteht nicht nur
Drum steh‘ ich auf, der Ruhe fremd: Ich bin ein Mensch

Gerry Huster

Sommerstunde

Ayacucho, Peru; November 2019

Sommerstunde

Die Sonne scheint geschwächt durch die Vorhänge
Ventilators Schatten dreht im Kreis
Die Autos hupen Harmonie-Gesänge

Die Leute auf der Straße tragen Kleider
Dünn der Stoff wie gut verwebte Luft
Die Form des Körpers ist der beste Schneider

Und draußen blühen Blumen für das Leben
Rosen wiegen sanft sich in dem Wind
Der fährt auch durch die Kleider wie ein Beben

Und in dem Spiegel seh‘ ich meine Augen
Mattes Grün verblasst auf meinem Bett
Und lächle leise brauch‘ es mir nicht rauben

Es legt sich eine Ruhe schwer dem Körper
Ärgerlich setz‘ ich mich auf vom Bett
Es schüttelt mich durch Ruhe ein Gestörter

Gerry Huster

(Mehr Fotos folgen hier)

Nee-ger

Nee-ger

Herr Aleman möchte gerne „Negär“ sagen
Das hat er schon als Kind so gemacht
Herr Aleman sagt:
„Nehgär“ heißt doch auch nur schwarz“

Herr Aleman hat eine Firma, da bewirbt sich
Ein „Nehgärr“, aber Herr Aleman nimmt ihn nicht
Nicht, weil er ein „Neehgärr“ ist, sondern
Weil er kein Deutsch spricht, vermutlich

Sonntag macht Herr Aleman einen Spaziergang
Ein „Neehg-Ärr“ sitzt an der Straße, eine Spritze im Arm
Herr Aleman ärgert sich, dass die Polizei nicht
Mit dem Gesindel aufräumt, also nicht nur mit denen

Sonntags gibt es bei Familie Aleman immer Fleisch
Mit dunkler Kruste, nur so schmeckt’s. Frau Aleman
Hört ihrem Mann zu, wie er über „Das Gehsindel“ schimpft und
Die Kinder auch

Als Herr Aleman zur Arbeit geht
Am nächsten Morgen sind die Straßen unruhig
„Neehg-Gär“, murmelt Herr Aleman
Das hat er schon als Kind so gemacht, aber damals
Blieben die Straßen ruhig

Gerry Huster

Dummheit?

Dummheit?

Seht nur die Kuh, sie kaut
Zweimal, denn sie ist dumm
Auf Dummheit ist ihr Kauen aufgebaut
Aus Dummheit bleibt sie lieber stumm

Wir jedoch, die wir die Welt gewonnen
Wir schlingen runter das, was wir bekommen
Lieber trunken nachgespült als gut gekaut
Und uns’re Stimmen klingen dünn und laut

So steh’n wir schwanken vor der Kuh, die ihre Augen
Nur halb geöffnet hat und weiterkaut
Und uns nicht sieht, weil sie doch gar nicht schaut

Nur ab und zu hört man sie Luft einsaugen
Wenn sie mit Wiederkäuen fertig ist
Hebt sie den Schwanz und macht ’nen Haufen Mist

Gerry Huster

Gespräch mit einem (schuldigen) Menschen

Gespräch mit einem (schuldigen) Menschen

Direkt hinter der Haustür ist bei mir der Ort, der in jedem Haus
Gebraucht wird, um den Körper Körper sein zu lassen
Und fortzuschaffen all die Massen
Die ganzen Jahre presst er unten raus

Manchmal, wenn man dort sitzt und es unter einem dröhnt
Fliegt ein Brief herein, das ist ganz nützlich, denn
Da er doch meistens nichts zu sagen hat und wenn
Dann kommt sicher ein zweiter Brief, ich hab‘ mich dran gewöhnt

Drum kann ich ohne Sorgen diesen Brief
Tief in das Ungesagte führen
Und dabei mit Erschauern spüren
Wie er mich befreit von dem, was aus mir lief

Nur einmal kam ein Brief zu spät
Ich stand schon auf und war bereits befreit
Vom dunklen Klumpen der Vergangenheit
Ich nahm und las in ihm: Es steht in Pflicht, wer sät

Gerry Huster

Erste Verklärungen

Erste Verklärungen

Wenn sie einem ein Denkmal errichten wollen
Ist sein Körper schon krank und
Die Haut auf seiner Stirn zerfressen wo
Sie ihn schlugen und schlagen ließen

Sie aber zeichnen ihn und
Machen ihn gesund und geben
Ihm eine Stirn die glatt
Und sorglos ist frei von ihren Malen

Wenn sie dann auf den Stein einhauen
Schneiden sie seinen krummen Körper ab gleich unter
Dem Hals noch lang genug
Um eine Schlinge drum zu legen

Und er schaut in das fremde Gesicht aus Stein
Schön ist es nicht für ihn
Sondern für sie gemacht
Und mitleidig sieht er in ihnen
Das Hässliche, das sie aus ihm herausgeschnitten haben

Gerry Huster