Das Gras ist immer noch gelb – Eine Kurzgeschichte

Das Gras ist immer noch gelb

Am fünfzehnten Tag in einem Monat August fiel der hart arbeitende und bei seinen Freunden und Kollegen geschätzte S., nachdem er sich abends im Kreise einiger Freunde getroffen und gerade einen Teller Essen geholt hatte, auf dem Weg zurück zu der Gesellschaft in das von der Sonne gelbgetrocknete Gras und bewegte sich nicht mehr. Es waren sofort Leute herbeigestürzt, die den bewegungslosen S. auf den Rücken drehten, sodass seine geöffneten Augen und sein krampfhaft grimassenschneidender Mund geradewegs in den sich verdunkelnden Himmel blickten, und so lag er nun, auf seinem weißen T-Shirt einen tomatenroten Fleck, wo er seinen Teller unter sich begraben hatte, da und schaute in das Dunkelblau, in dem sich die ersten Sterne zeigten. Unter den Freunden des S. war auch eine Ärztin, die mit dem S. allerdings nur sehr lose bekannt war. Sie stürzte sich sofort und noch kauend wie ein Vogel im Sturzflug auf den S. und betastete und befühlte den wie leblosen Körper besonders da, wo das Essen seine roten Abdrücke hinterlassen hatte. Unterdessen war der Teller des S. aus dem vertrockneten Gras gehoben worden und es wurde mit Erstaunen festgestellt, dass er heil geblieben war, sodass der S. sich keine Schnittwunden zugezogen haben konnte. Die Freundin wollte dem S. sein T-Shirt über den Kopf ziehen, aber kaum, dass sie das versuchte, verkrampfte sich S. und versteifte seine Arme, sodass sie schließlich nach einer Schere rief und mit dieser dann das T-Shirt zerschnitt und den dünnen Körper des S. freilegte.

S. hatte kleine, pinke Brustwarzen, die von einigen wenigen Haaren umgeben waren. Seine Brust hob und senkte sich regelmäßig und tief, obwohl er keinen Atemlaut von sich gab. Die Freundin presste ihre Hand auf S.‘ Brust, als würde sie versuchen, die gesamte Luft aus ihm herauszupressen und unweigerlich weiteten sich S.‘ Pupillen unter den nur halb geöffneten Augen, die nach oben in den Himmel stachen, und der Körper des S. bäumte sich unter den heftigen Stößen der Freundin auf und fiel dumpf wieder zu Boden. Sein Herz schlug langsam und regelmäßig. Die Freundin ließ von S.‘ Brust ab, die sich weiter hob und senkte wie vorhin. Sie fuhr fort, S. zu betasten, drückte ihm in die Seiten und vergrub ihre Finger in seinem Fleisch, sodass die Herumstehenden den Atem anhielten. S. aber bewegte sich nicht und oben an dem Himmel war blass vor blauem Hintergrund der Mond sichtbar geworden und schaute gemeinsam mit der errötenden Sonne auf die Menschen, die dort auf der gelben Wiese standen.

Als die Freundin S. vollständig untersucht hatte, drehte sie sich zu den Herumstehenden um und erklärte, es gebe überhaupt nichts, was dem S. fehle und auch eine Untersuchung in einem Krankenhaus bestätigte dies später an dem gleichen Tag. Die Freundin schaute wieder zu S. hin und wurde wütend über ihn, der auf dem Boden lag. Sie wiederholte noch einmal lauter, dass es nichts gäbe, was dem S. fehle, dass sein Körper sehr wohl bereit sei, sich zu bewegen. S.‘ Augen staken zur Hälfte geöffnet und müde in den Himmel. Von dem Grill drang ein verbrannter Geruch herüber und einige der Herumstehenden machten sich mit sehr großer Eile daran, die auf dem Grill vergessenen Lebensmittel zu retten. S.‘ Brust hob und senkte sich und unter den Füßen der eilig Herumstehenden raschelte trocken das vergilbte Gras und die Grashalme brachen ab.

Die Freundin kniete sich vor S. und schaute in seine Augen. „Dir fehlt nichts.“, sagte sie, „Steh auf, du hast keinen Grund hier zu liegen.“ Als sie das gesagt hatte, zuckte sie zurück. Denn die Augen dieses leblosen Körpers, die matt in den Himmel ragten, füllten sich mit Tränen.

Gerry Huster

Die Entdeckung der Anderen

Die Entdeckung der Anderen

Ich sitze in einem raum
alleine, sonst
ist der raum mit menschen gefüllt und
verstopft doch jetzt
sehe Ich staunend die leeren wände egal

wie Ich mich aufblase hier
alleine, groß
und blank bleiben die wände und
ich selber kann
sie nicht ausfüllen ohne die Anderen

Gerry Huster

Die letzte Straße

Die letzte Straße

Vor dem offenen Fenster ein Vorhang aus Glas
Der Wind bläst ihn manchmal auf
Wo er hängt schon seit Jahren an Staub sich weiß fraß
Wie Milch sieht er langsam aus

Ohne Menschen dahinter die Straße aus Sand
Ein Hund knurrt drin ab und zu
Gegenüber noch Häuser dahinter noch Land
Man weiß es kommt eine Flut

Oben Himmel hellblau hängt er da wie ein Zelt
Und kalt bleibt er sonnenlos
Eine Wolke die fett schon als Regen zerfällt
Der Schweiß rinnt und tropft in Kot

Vor dem Fenster am Vorhang steht nachts oft ein Bett
Ein Mensch liegt ganz wund darin
Und der Staub fliegt der Mensch frisst nur Staub und wird fett
Am Tag presst er Staub zu Kind

Gerry Huster