Geburt à la mode

Geburt à la mode

In grauen Gassen zwischen den Fassaden
Der Körper blasser Seelen wirst du gehen
Es liegen Leichen schon in deinem Graben
Und nichts als Leichen wirst du jemals sehn
Aus Türmen quillt der Rauch ergießt sich in
Der Häuser aller armen Städter Leichen
Es ruft der Baal welch Glück welch ein Gewinn
Und das nur über die paar kleinen Leichen

In überfüllter Fluren Warenhäuser
Kaufst du dir Glück im Unglück für dein Geld
Und ohne Geld wirst du ein armer Räuber
Drum ziehst du immer neu ins Backsteinfeld
Wo an der Kasse Körper drängend stehn
Presst deine Hüfte sich an andre Hüften
Du wartest bis sie endlich weiter gehen
Es ist nichts zärtliches mehr an zwei Hüften

Und wankst du dann dahin zu deinem Graben
Es gibt zu wenig Gräben auf der Welt
Begrüßt dich das Geschrei der schwarzen Raben
Es ist nicht viel was diese Welt behält
Zu vollen Gräben bist du schon am gehen
Und darfst von diesen Wegen niemals weichen
Der Raben Götterauge kann dich sehn
Du gehst von selbst gestellt sind nur die Weichen

Gerry Huster

Das halbe Glück

In einem Wald da steht ein Leiermann

Im Schneegestöber spielt was Es ersann

Der Tanz der weißen Dame schnell vergeht

Ein schwarzes Kleid durch Trauer hell gewebt

Der See aus Eis ist bläulich unterm Mond

Das Laub der Bäume ruht noch wie gewohnt

Die Lüfte ruhen still ist Unsre Bahn

Und immer weiter dreht es wie im Wahn

Der Leiermann spielt traurig seine Weise

Das Eise knirscht jetzt stirbt Es endlich leise

 

Gerry Huster

Blauer Mond aus Beton

Nein mein Kind der Mond ist nicht aus Käse
Schau nicht hoch gewöhn dich nicht ans Licht
In den Schluchten ist der Mondschein nicht
Hoffnung siegt doch nicht den Hunger Ärmster

Schau die Steine auf dem Weg so mächtig
Bergen Erze geben Eisen Gold
Nicht für dich denn es ist gottgewollt
Reichtum weilt hat Newton schon gelesen

Schau nur zu dein Leben wird verfließen
Und die Welt verweilt denn sie ist blind
Wir die wir von Gott verdammt doch sind
Schau der Tod erscheint so süß in Eden

Gerry Huster

Lagebericht

Ein Wald mit vielen
Eingängen mit vielen
Pfaden mit einem
Ziel
Wege mit vielen
Freuden mit vielen
Leiden mit einer
Richtung
Ich mit vielen
Hoffnungen mit großen
Flügeln mit einer
Zukunft
Ich mit vielen
Erfahrungen mit großer
Schwere mit einer
Vergangenheit
Suche ver
Zweifelt
Nach einer
Abkürzung
Gerry Huster

Über mein Gedicht „résumé“

Es mag seltsam scheinen, dass ich eins meiner Gedichte „résumé“ genannt habe. Einem von meinem Alter mag es durchaus nicht zustehen, sich selber einzubilden, er habe eine Zusammenfassung über das Leben zu ziehen. Schließlich hat er ja selber noch nicht einmal einen Bruchteil seines Lebens erlebt und sein „es nützt nicht zu leben“ lässt sich wohl kaum ernst nehmen. Woher soll er das auch wissen?

Auch ich habe mir selbstverständlich darüber Gedanken gemacht, ob ein solches Gedicht mich nicht vielleicht komplett lächerlich erscheinen lässt, wenn ich ein solches Gedicht schreibe und ob es unter Umständen nur ein Zeugnis jugendlicher Selbstüberschätzung ist, wie alles, was ich schreibe jugendliche Selbstüberschätzung sein könnte.

Ich bin jedoch zu dem Schluss gekommen, dass ich gerade wegen meiner Jugend besonders in der Lage bin, ein solches Gedicht zu verfassen. Das hängt mit dem Lyrischen Ich des Gedichtes zusammen. Ein Resümee -wie die hässliche deutsche Schreibweise lautet- zieht man, nachdem etwas vorbei ist. Ein Resümee über das Leben kann man also in der Theorie erst dann ziehen, wenn man bereits tot ist. Da es jedoch aus offensichtlichen Gründen unmöglich erscheint, einen toten einen Text schreiben zu lassen, muss diese Aufgabe von lebenden übernommen werden. Hierzu eignen sich nach meiner Meinung in vielen Fällen nur die Jungen. Denn um objektiv an dieses heikle Thema heranzugehen, muss man eigentlich unsterblich -d.h. davon nicht betroffen- sein. Da jedoch auch dies unmöglich ist, braucht man Leute, die ihren eigenen Tod noch nicht vor Augen, sich jedoch schon mit dem Tod allerlei Leute –„bedeutenden“ wie „unbedeutenden“- auseinandergesetzt hat. Deswegen braucht es gerade jemand Jungen, um ein Resümee über das Leben zu schreiben. Jemand altes würde sich die Dinge u.U. schönreden, um seinen eigenen Tod gelassener zu sehen.

Was ebenfalls noch gesagt werden muss: Das Lyrische Ich aus dem Gedicht ist (bzw. war) Atheist. Ich bin kein Atheist, weswegen ich den Aussagen des Gedichtes zwar durchaus zustimme, jedoch noch an eine weitere Ebene glaube, in der unser Leben sehr wohl einen Sinn hat. Ich muss daran glauben. Andernfalls könnte ich mir genauso gut die Pulsadern aufschneiden.

Gerry Huster

Sollten Sie mein Gedicht résumé noch nicht gelesen haben, können Sie es hier tun. Es würde mich freuen.