Der Unfall im deutschen Zoo

Es ereignete sich am Montagmorgen im Zoo des Herrn Frank-Walter S. ein schreckliches Ereignis. Daselbst kletterte eine Gruppe von Kindern im Spiel in das Gehege eines schlafenden Löwen, um mit dem alten Gesellen, den sie für ungefährlich hielten, ihren Spaß zu treiben. Der Löwe jedoch, einmal geweckt, stürzte sich auf die Kinder, die überzeugt waren, auf diesem reiten zu können, und zerfleischte sie ohne größere Mühen. Einmal Blut geleckt, waren ihm die kleinen Körper der Kinder jedoch nicht genug und so verließ er seinen Schlafplatz seinen Magen zu füllen. Als die Besucher die majestätische und für gewöhnlich schlafende Katze mit blutigem Maul in ihrem Gehege umhergehen sahen, erkannten die meisten die Gefahr und hielten sich fern von dem Löwengehege. Einige wenige jedoch waren fasziniert von der Majestät des Löwen und näherte sich alle Vorsicht fallen lassend den Gitterstäben. Der Löwe, der durch seinen Hunger zu besonderen Kraftanstrengungen fähig war, schaffte es, über selbige zu springen, und jagte zunächst jene, die ihm am nächsten waren. Anschließend trieb er im gesamten Zoo sein blutiges Unwesen, bis er auch den letzten Besucher ausfindig gemacht und getötet hatte. Erst das beherzte Eingreifen eines zufällig vorbeikommenden Passanten, der sich von einem Pfleger ein Gewehr geben ließ und damit dem Löwen direkt in sein Herz schoss, verhinderte, dass dieser auch außerhalb des Zoos seine Nahrung suchte.

Gerry Huster

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Ein ganz normaler Sonntagmorgen

Ich lege eine Schallplatte auf. Als die Nadel den Lack berührt, ertönt fröhliche Musik. Kurt Weill, Friedrich Hollaender, die Zwanziger Jahre halt. Angetrieben wird die Platte von kleinen Menschen, die sie im Kreis drehen. Auf der Stange, die die Nadel an ihrer Position auf der Schallplatte hält, tanzen weitere kleine Menschen zu der Musik. Charleston. Wie passend. Lächelnd drehe ich mich von der kleinen Parade in meinem Plattenspieler weg. Auf meiner Computertastatur hat ein Papagei sein Netz gebaut. Er hat ein herrliches Gefieder. Ich habe noch nie einen Vogel mit blauen, roten, gelben und grünen Federn gesehen. „Hallo“, sage ich. „Hallo“, krächzt er zurück. „Wie geht es dir?“ frage ich ihn. „Wie geht es dir?“ fragt er mich zurück. `Ah ja´, denke ich. `Papageien. Die mit dem Nachplappern´ Ich seufze und drehe die Musik lauter. Eine der Gestalten, die die Platte anschieben, kommt mit der Hand unter die Nadel. Ihre Schreie werden von der lustigen Musik übertönt. `Zieh‘ dich aus, Petronella…´ Das Blut des kleinen Wesens spritzt hoch zu den tanzenden Menschen. Die schauen sich um und sehen ganz entsetzt auf die Arbeiter unten um die Schallplatte herum. Einige kleine Damen fallen in Ohnmacht. Die Menschen unten haben aufgehört, die Schallplatte zu drehen. Die Musik ist verstummt. Das gefällt den Herren oben nicht. Sofort befehlen sie den Arbeitern die Schallplatte weiter anzuschieben. Die Musik ertönt wieder. Zufrieden drehe ich mich um. Der Papagei hat begonnen, sich seine Federn auszureißen. „Was machste denn da?“ frage ich. „Heute ist Tag der freien Körperkultur“, die flapsige Antwort „hast du denn von nichts `ne Ahnung?“ „Ich weiß nur, dass ich einen Vogel vor mir habe, der sich von selbst pfannenfertig macht, was zumindest aus der Vogelperspektive betrachtet ziemlich dämlich ist. Außerdem sieht das ekelhaft aus. Zieh dir was an!“ „Arschloch“, erwidert der Vogel und wirft sich einen Bademantel über. Mein Handy klingelt. Ich gehe ran. „Haste Bock heute Abend noch `nen Burger essen zu gehen?“, begrüßt mich mein Freund. Ich habe vergessen, wie genau er heißt. Ich tippe auf Tobias. „Du weißt doch, dass ich seit Mittwoch Vegetarier bin.“, antworte ich. „Immer noch? Bloß, weil sie dir einmal ein lebendiges Schwein auf den Teller gepackt haben? Das ist doch Schwachsinn! Vegetarisch ist total ungesund. Menschen haben doch schon immer Fleisch gegessen.“ „Hey, Papagei“, frage ich den Papagei „ist vegetarisch leben ungesund?“ „Oh nein, gar nicht“, erwidert mein Papagei, der bis dahin sehr interessiert zugehört hatte, „ganz im Gegenteil. Zahlreiche Studien haben bewiesen, dass…“ „Ich habe gehört, dass vegetarisch gesünder ist.“, spreche ich ins Telefon, „Wer hat dir das gesagt? Ich habe im Internet gelesen, dass vegetarisch echt nicht cool ist. Wegen dem Vitamin G, oder so.“ „Naja, wenn du das sagst, brate ich mir heute vielleicht doch noch einen schönen saftigen Vogel.“ Als der Papagei das hört, schreit er ängstlich auf und versucht, mit seinen federlosen Flügeln aus dem Fenster zu fliehen. Er bruchlandet in der Regenrinne. „Du, ich muss Schluss machen“, sage ich zu meinem Freund, „mein Papagei ist gerade bei einem missglückten Flugversuch in der Regenrinne geendet. Vielleicht können wir ja mal etwas anderes unternehmen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten lege ich auf. In dem Nest des Papageis liegen ein paar halb geschmolzene Schokokekse. „Hey“, rufe ich nach unten, „Versteckst du etwa Kekse vor mir?“ Als ich den Papagei aus der Regenrinne hole, fällt mir auf, dass sein Hinterteil mit geschmolzener Schokolade bedeckt ist. „Ach, deswegen auch immer die braunen Schwanzflossen“, grinse ich, „ich habe mich schon gewundert, weil Vögel ja eigentlich weiß…“ „Halt den Schnabel“, krächzt der Vogel müde.

Gerry Huster