westlich

Wo auf einer Insel ein Volk fett feiernd lebt

Und selbst das Gesindel sonntags auf Fleisch besteht

Sind in Ozeanen der Sklaven mehr und mehr

Flehet um Erbarmen der Armen großes Heer

Wo die Gelder fließen in Weihrauch Gold und Licht

Und die Trauben sprießen wo niemand sie noch bricht

Hinter den Kulissen der Armen große Schar

Kriegen keinen Bissen von dem was ihres war

Wo die Reichen singen in Freude Lust und Tanz

Und die Lieder klingen als Boten ihren Glanz

Bildet in den Fernen der Mensch den Mensch sich ein

Eilet zu den Sternen ein Tier nicht mehr zu sein

Wo auf einer Insel ein Volk fett feiernd lebt

Und selbst das Gesindel sonntags auf Fleisch besteht

Sind die feinen Herren selbst wenig Mensch nicht mehr

Irgendwann in Särgen wird doch ihr Gold zu schwer

Gerry Huster

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Der „Sinn des Lebens“

Die Frage nach dem Sinn im Leben ist eines der grundsätzlichsten Dinge, die den Menschen von den Tieren unterscheiden. Seit der Mensch Zeit hat, Gedanken auf Themen zu verwenden, die nicht auf das unmittelbare Überleben gerichtet sind, versucht er, diese Frage zu beantworten. Trotzdem ist es noch nicht gelungen, den Sinn des Lebens eindeutig festzustellen, was daran liegt, dass diese Frage in verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich angegangen wurde. Die Frage universal und „richtig“ zu beantworten ist unmöglich, da jeder Mensch individuell ein eigenes Ziel und somit auch einen eigenen Sinn im Leben festlegt kann und soll. Niemand kann also den Sinn des Lebens definieren. Aber jeder kann und sollte es auch versuchen:

Um den Sinn im Großen -also im Leben- zu finden, muss man erst einmal schauen, wo es Referenzen im Kleinen gibt, von denen man auf das Große schließen kann. Schon Aristoteles hat festgestellt, dass jede Handlung des Menschen im Kleinen einen Sinn hat und ein Ziel erfolgt. Jeder Mensch produziert etwas zu einem Zweck. Ein Färber zum Beispiel färbt Stoffe, damit diese an den Schneider verkauft werden, damit diese zu einem Anzug geschnitten werden, damit diese von einem Menschen getragen werden, damit diese nicht frieren etc. schon die kleinsten Kinder erkennen dieses Prinzip und nutzen es zu ihrer Freude mit den ewigen Warum-Fragen, die jeder, der schon einmal mit Kleinkindern zu tun hatte, kennen wird. Damit testen sie die Grenzen des Wissens der Erwachsenen, wohl wissend, dass diese Frage nach dem Warum nicht zu einem Ende geführt werden kann. Das liegt daran, dass kein uns bekanntes Sinn-System in sich geschlossen ist. Ein Stück Stoff etwa bekommt nicht dadurch einen Sinn, dass es an einen Schneider verkauft und zu einem Anzug genäht wird, und ein Anzug erhält seinen Sinn nicht bloß dadurch, dass er getragen wird, und die Tatsache, dass der Anzug getragen wird, nicht bloß dadurch, dass sie den Träger vor Kälte schützt, sondern in dem Sinn, der einzelnen Objekten zugewiesen wird, lässt sich immer ein weiterer Sinn entdecken.

Genau das gleiche System lässt sich nun im menschlichen Leben wiederfinden. Niemand existiert, nur damit er existiert, sondern, um sich zu bilden, Nachkommen zu zeugen, den evolutionären Prozess fortzuführen, um … was eigentlich? Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist also die Frage nach dem Ende dieser scheinbar endlosen -und damit auch sinnlosen- Aneinanderreihung von kleinen Sinnen.

Welche Voraussetzungen  muss dieses Ende also haben? Zum ersten müsste es sich selbst zum Sinn haben, damit die irdische Sinnkette nicht fortgeführt wird. Das heißt, es muss existieren, um zu existieren. Das setzt aber auch voraus, dass es ewig ist. Denn etwas, das nicht ewig ist und also irgendwann rest- und spurlos verschwunden sein wird, kann nicht sich selbst zum Sinn haben, da es diesen Sinn durch seine Vergänglichkeit nicht erfüllen würde und somit auch nicht anderen Dingen zum Sinn dienen könnte. Welchen Sinn hat ein Goldstück, dass unbemerkt für den Bruchteil einer Sekunde in der Tasche einer armen Bettlerin auftaucht? Und welchen Sinn hat dann ein Universum, dass unbemerkt von allem anderen für einen an der Ewigkeit gemessenen so kleinen Zeitraum auftaucht und wieder verschwindet? In beiden Fällen lautet die Antwort: für sich genommen keinen. Das Goldstück hätte aber dann einen Sinn, wenn es etwas Gold in der Tasche der Bettlerin zurücklassen würde, sodass ihr ein unverhoffter Geldsegen zuteilwird. Und genau so verhält es sich mit allen Dingen im Universum: Wir erhalten erst dadurch einen Sinn, dass wir einen Einfluss und sei er auch noch so klein und indirekt auf etwas Größeres und Unendliches haben. Viele Menschen nennen dieses Größere Gott.

Einen Sinn nur auf der Erde -zum Beispiel im Vergnügen- zu suchen, hält jedoch vor dieser Argumentation nicht stand. Denn alles, was von seinem eigenen Vergnügen beeinflusst wird -man selbst und u.U. seine Mitmenschen- ist vergänglich. Erst, wenn man von einer ewigen Instanz ausgeht, die von diesem Vergnügen beeinflusst wird (ob positiv oder negativ spielt hierbei keine Rolle), erhält das Vergnügen einen Sinn.

Gerry Huster

Blauer Mond aus Beton

Nein mein Kind der Mond ist nicht aus Käse

Schau nicht hoch gewöhn dich nicht ans Licht

In den Schluchten ist der Mondschein nicht

Hoffnung siegt doch nicht den Hunger Ärmster

Schau die Steine auf dem Weg so mächtig

Bergen Erze geben Eisen Gold

Nicht für dich denn es ist gottgewollt

Reichtum weilt hat Newton schon gelesen

Schau nur zu dein Leben wird verfließen

Und die Welt verweilt denn sie ist blind

Wir die wir von Gott verdammt doch sind

Schau der Tod erscheint so süß in Eden

Gerry Huster

Ein ganz normaler Sonntagmorgen

Ich lege eine Schallplatte auf. Als die Nadel den Lack berührt, ertönt fröhliche Musik. Kurt Weill, Friedrich Hollaender, die Zwanziger Jahre halt. Angetrieben wird die Platte von kleinen Menschen, die sie im Kreis drehen. Auf der Stange, die die Nadel an ihrer Position auf der Schallplatte hält, tanzen weitere kleine Menschen zu der Musik. Charleston. Wie passend. Lächelnd drehe ich mich von der kleinen Parade in meinem Plattenspieler weg. Auf meiner Computertastatur hat ein Papagei sein Netz gebaut. Er hat ein herrliches Gefieder. Ich habe noch nie einen Vogel mit blauen, roten, gelben und grünen Federn gesehen. „Hallo“, sage ich. „Hallo“, krächzt er zurück. „Wie geht es dir?“ frage ich ihn. „Wie geht es dir?“ fragt er mich zurück. `Ah ja´, denke ich. `Papageien. Die mit dem Nachplappern´ Ich seufze und drehe die Musik lauter. Eine der Gestalten, die die Platte anschieben, kommt mit der Hand unter die Nadel. Ihre Schreie werden von der lustigen Musik übertönt. `Zieh‘ dich aus, Petronella…´ Das Blut des kleinen Wesens spritzt hoch zu den tanzenden Menschen. Die schauen sich um und sehen ganz entsetzt auf die Arbeiter unten um die Schallplatte herum. Einige kleine Damen fallen in Ohnmacht. Die Menschen unten haben aufgehört, die Schallplatte zu drehen. Die Musik ist verstummt. Das gefällt den Herren oben nicht. Sofort befehlen sie den Arbeitern die Schallplatte weiter anzuschieben. Die Musik ertönt wieder. Zufrieden drehe ich mich um. Der Papagei hat begonnen, sich seine Federn auszureißen. „Was machste denn da?“ frage ich. „Heute ist Tag der freien Körperkultur“, die flapsige Antwort „hast du denn von nichts `ne Ahnung?“ „Ich weiß nur, dass ich einen Vogel vor mir habe, der sich von selbst pfannenfertig macht, was zumindest aus der Vogelperspektive betrachtet ziemlich dämlich ist. Außerdem sieht das ekelhaft aus. Zieh dir was an!“ „Arschloch“, erwidert der Vogel und wirft sich einen Bademantel über. Mein Handy klingelt. Ich gehe ran. „Haste Bock heute Abend noch `nen Burger essen zu gehen?“, begrüßt mich mein Freund. Ich habe vergessen, wie genau er heißt. Ich tippe auf Tobias. „Du weißt doch, dass ich seit Mittwoch Vegetarier bin.“, antworte ich. „Immer noch? Bloß, weil sie dir einmal ein lebendiges Schwein auf den Teller gepackt haben? Das ist doch Schwachsinn! Vegetarisch ist total ungesund. Menschen haben doch schon immer Fleisch gegessen.“ „Hey, Papagei“, frage ich den Papagei „ist vegetarisch leben ungesund?“ „Oh nein, gar nicht“, erwidert mein Papagei, der bis dahin sehr interessiert zugehört hatte, „ganz im Gegenteil. Zahlreiche Studien haben bewiesen, dass…“ „Ich habe gehört, dass vegetarisch gesünder ist.“, spreche ich ins Telefon, „Wer hat dir das gesagt? Ich habe im Internet gelesen, dass vegetarisch echt nicht cool ist. Wegen dem Vitamin G, oder so.“ „Naja, wenn du das sagst, brate ich mir heute vielleicht doch noch einen schönen saftigen Vogel.“ Als der Papagei das hört, schreit er ängstlich auf und versucht, mit seinen federlosen Flügeln aus dem Fenster zu fliehen. Er bruchlandet in der Regenrinne. „Du, ich muss Schluss machen“, sage ich zu meinem Freund, „mein Papagei ist gerade bei einem missglückten Flugversuch in der Regenrinne geendet. Vielleicht können wir ja mal etwas anderes unternehmen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten lege ich auf. In dem Nest des Papageis liegen ein paar halb geschmolzene Schokokekse. „Hey“, rufe ich nach unten, „Versteckst du etwa Kekse vor mir?“ Als ich den Papagei aus der Regenrinne hole, fällt mir auf, dass sein Hinterteil mit geschmolzener Schokolade bedeckt ist. „Ach, deswegen auch immer die braunen Schwanzflossen“, grinse ich, „ich habe mich schon gewundert, weil Vögel ja eigentlich weiß…“ „Halt den Schnabel“, krächzt der Vogel müde.

Gerry Huster

Von der Würde eines Bettlers

Mein Orchesterleiter sagte einmal über eine besonders schöne und pompöse Stelle sinngemäß „Das muss würdevoll klingen. Stellt euch vor, da wäre ein König und würde   durch die Straßen schreiten.“ Hier dachte ich intuitiv „Jemand, der viel Würde hat, muss ein Bettler sein.“ Diesen Gedanken musste ich zunächst selber entschlüsseln, fand ihn schlussendlich aber richtig.

Zunächst einmal muss der Begriff Würde umrissen werden. Es ist hierbei wichtig, dass so etwas wie Würde in der Natur nicht vorkommt. Denn das Gefühl der Würde basiert ganz entschieden auf dem Gefühl der Scham und dem Gefühl des Stolzes. So etwas wie Scham kommt aber im Tierreich nicht -oder dann nur sehr bedingt- vor und auch der Stolz ist in der Natur nicht weit verbreitet. Würde muss also ein menschengeschaffenes Konstrukt sein. Wie genau Würde nun zu definieren ist, ist ein anderes Thema, über das ich ein andermal schreiben möchte. Vorläufig genügt das Wissen darum, dass Würde nichts Natürliches ist. Ganz einfach lässt sich dies bei kleinen Kindern beobachten. Es ist in westlichen Kulturen allgemein gültig, dass eine öffentliche Entblößung etwas Entwürdigendes hat. Kleine Kinder jedoch scheren sich auch in der Öffentlichkeit nicht großartig darum, ob sie nackt sind oder angezogen, solange die Temperatur stimmt. Ihr Empfinden für Würde tritt erst später auf. Es ist also anerzogen.

Alles unnatürliche Verhalten jedoch erfordert eine große Anstrengung des Menschen. Also ist auch der Erhalt der eigenen Würde mit einer gewissen Anstrengung verbunden. Wenn einem die richtigen Rahmenbedingungen gestellt werden, dann kann man seine Würde nur durch sein eigenes Verhalten bewahren. Dieses Verhalten jedoch ist aber, da es unnatürlich ist, gerade für Kinder aber auch für spätere Menschen sehr anstrengend. Ein einfaches Beispiel hierfür sind Tischmanieren. Hierbei meine ich nicht, mit welcher Gabel man welche Olive isst, sondern vielmehr die Fähigkeit, seinen Karottenbrei beim Essen nicht über das gesamte Gesicht zu verteilen und auch, Messer und Gabel richtig zu benutzen. Auch, wenn man sich inzwischen daran gewöhnt hat und die Anstrengung vergleichsweise klein ist, kann man bei Kleinkindern beobachten, wieviel Erziehung bereits für so einfache Grundlagen erforderlich ist.

Ein klassischer Monarch in einem absolutistischem System braucht keine großartige Würde. Sein Ansehen fußt auf seiner Macht, die wiederum auf seinen weltlichen Besitztümern basiert. Und auch sein Stolz basiert mehr auf seinem Reichtum, als auf seiner Person. Es besteht also kein Grund für ihn, die Anstrengung zu unternehmen, sich eine Würde zu bewahren. Zumindest nicht, solange seine Bediensteten und die anderen Adeligen in seinem Land ihn noch respektieren. Da der Mensch grundsätzlich bequem ist, d.h. jede Anstrengung zu umgehen versucht, wird ein König also nicht viel für seine Würde unternehmen.

Für einen im materiellen Sinne Besitzlosen hingegen besteht sehr wohl ein Grund , seine Würde zu wahren. Denn je weniger der Mensch hat, umso mehr basiert sein Stolz auf seiner Würde. Für viele Bettler zählt die Würde außerdem als letzter Besitz. Für einen Bettler stellt die Bewahrung der eigenen Würde also einen viel größeren Anreiz dar, als für einen König. Deswegen ist ein Bettler bereit, sehr viel mehr einzusetzen, um sich seine Würde zu bewahren, die für ihn beinahe lebenswichtig ist. Denn ein Mensch ohne Würde verliert auch seinen Stolz. Hat ein Mensch jedoch gar keinen Stolz (auf sich oder etwas, das er geschafft bzw. geschaffen hat), wird er unweigerlich versuchen, dieser Welt zu entfliehen.[1]

Schlussendlich hat also ein Bettler deswegen mehr Würde als ein König, weil die eigene Würde für einen Bettler weitaus wichtiger ist, als für einen König. Ein König wird sich nicht um seine Würde scheren, ein Bettler hingegen schon. Wie wichtig einer Person die eigene Würde ist, ist davon abhängig, wie viele Besitztümer man abgesehen von der Würde hat und wie sehr der eigene Stolz von der eigenen Würde abhängt.

Gerry Huster

[1] Auch solche Figuren trifft man in unseren Straßen an. Diese sind jedoch keine Bettler mehr. Denn sie betteln nicht mehr. Sie stellen nur noch einen Pappbecher auf und hoffen, dass Passanten etwas Geld hineinwerfen. Mir mag keine Bezeichnung für solche Leute einfallen, die nicht negativ konnotiert wäre, weswegen ich diesen Menschen keine Bezeichnung verleihen möchte.

Das Ehesonett

Und sagte: „Sei so nett
Für Mich: Schreib ein Sonett“
Und ich sah nur die roten Lippen
den Busen auf und nieder wippen

Und ein Parfum hing in der Luft
und übertünchte ihren Muff
Ich war von ihr schon ganz verschoben
Sie wollt ich unten und mich oben

Und in der Lieb ist jeder Mann
ein Schuft, der es nicht lassen kann,
So nahm ich mir ein Blatt und einen Stift

und schrieb in meiner allerschönsten Schrift
Gab mir den Schein, ich wär so nett
Wär ach so fein: Schrieb dies Sonett

Gerry Huster

Zweimaliger Gang durch eine Allee

Ich ging einen Pfad gesäumt von Bäumen

Auf meinem Weg zum Meer dahin

Und dort wollt‘ ich gern vom Himmel träumen

entfliehen wollt‘ ich Zweck und Sinn

Und wärmend schien geliebt die Sonne

und streichelte mein blankes Haupt

Der Blumenduft in seiner Wonne

Ein Zauber, nie im Raum geschaut

Doch sah ich nun am Meer mit Schrecken

das Wasser nicht vor lauter Dreck

Die Schönheit schien sich zu verstecken,

Weil ihr des Menschen Tat nicht schmeckt

Und als ich mich

umdrehte, bemerkte ich, dass

der Zauber des Ortes!

verschwunden war. Und begraben.

unter den Myriaden an

Plastiktüten und Glasflaschen und Zigarettenstummeln und Verpackungen und.

Die Sonne

versteckte sich hinter Smog.

Der Würde eines Reimes wert

erschien mir dieser Ort

nicht mehr

Gerry Huster