Versuchte Begegnung

Versuchte Begegnung

Wenn an einem schönen Tag zwei entgegenkommen
Und der Eine verspürt den Drang die Hand an den Hut zu legen
Dann nickt der Andere und stumm
Aus der Ferne grüßen sie sich
Denn man könnte so viel voneinander erfahren

Wenn sie dann stumm weitergehen
Aneinander vorbei
Sind beide erleichtert
Über die glückliche Begegnung

Gerry Huster

Unter Tieren zerrissen – Eine Kurzgeschichte

Unter Tieren zerrissen

Wolf stand in seiner Haustür und schaute das Ding an. Er schaute zu seiner jüngsten Tochter, die danebenstand, und dann wieder zu dem Ding vor seiner Haustür.

„Was soll das Ding hier?“, fragte er seine Tochter. Er zitterte vor Wut. „Warum hast du das angeschleppt?“ Seine Tochter stand neben dem Ding. Das Ding war ein hüfthoher durchsichtiger Ball, der mit einer wässrigen Flüssigkeit angefüllt war, in der eine merkwürdige Kreatur schwamm.

„Ich wollte dich ihm vorstellen.“, sagte die Tochter und lächelte gezwungen. Das Ding in der Kugel schaute Wolf mit großen schwarzen Augen an.

„Was soll ich damit?“, fragte Wolf seine Tochter und bemühte sich, dem Ding nicht in die Augen zu schauen. Der Kopf des Dings war an einem schmächtigen Körper befestigt. Von einer verkümmerten Brust gingen zwei Stöckchen aus, die die Arme sein sollten. Die Hände waren zu Flossen verkümmert, aus denen die Finger nur noch schwach herausschauten. Unterhalb des Bauches begannen zwei derart kleine Beinchen, dass Wolf sie erst gar nicht erkannte. Sie schlugen hinter dem Ding in gleichmäßigen Bewegungen auf und ab und hielten seinen Körper so in der Kugel in der Schwebe.

„Du sollst gar nichts damit.“, antwortete ihm seine jüngste Tochter, „Aber ich will etwas mit ihm. Ich will ihn heiraten.“ Wolfs Gesicht lief rot an. Die Kreatur in der Kugel öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber es kamen nur leere Luftblasen heraus, die zur Decke der Kugel aufstiegen und sich dort verloren. Wolf sah das Ding an.

„Bist du verrückt?“, rief er lauter, als er es beabsichtigt hatte, „Das Ding und…“ Er musste husten. Dann beugte er sich nach vorne aus seiner Haustüre raus und schaute die Straße rauf und runter. Es war keiner zu sehen. Wolf setzte noch einmal an: „Das Ding und heiraten?“, wiederholte er, „Ich kann noch nicht einmal einen Penis sehen. Du kannst doch das nicht heiraten.“ Seine jüngste Tochter schaute ihn an. Sie trug ein weißes Kleid. Hinter ihr war der kleine Vorgarten grün im ankommenden Frühling. Wolf schwitzte leicht. Das Ding hatte seine großen Augen Wolfs jüngster Tochter zugewendet. Es schlug immer noch langsam mit seinen Armen und Beinen in der Kugel, um nicht hinunterzusinken.

„Ja, ich will ihn heiraten.“, sagte seine Tochter und ein Windstoß lüftete ihr Kleid, sodass es an ihren Beinen herumspielte. Wolf schüttelte den Kopf. Ein Mann kam die Straße hoch. Wolf lehnte sich wieder aus der Haustür raus. Es war Papageier, der gerade kam. Einer der Nachbarn. Wolf ging in den Garten und stellte sich vor das Ding. „Grüß dich, Papageier.“, sagte er und versuchte, die Kugel hinter ihm gut zu verdecken.

„Tag Wolf.“, antwortete Papageier. Seine jüngste Tochter eilte Papageier entgegen. Wolf fluchte leise. Sie hatte schon immer etwas an diesem Papageier gefunden. Papageier, dieser schleimige Typ mit dem langen Hals und der Langhaarfrisur, der immer etwas zu erzählen hatte.

„Herr Papageier, was würden Sie sagen, wenn ich verliebt bin?“, fragte die Tochter und begrüßte ihn mit einer Umarmung. Herr Papageier fasste sie an den Schultern und sah sie an. „Doch nicht in mich?“, fragte er und lachte dabei mit seinem großen Mund. Er war viel älter als die Tochter. Die Tochter lachte auch und erwiderte: „Nein, nicht in Sie.“ Wolf stand vor der Kugel und schaute dunkel. Er mochte Papageier nicht. Papageier sah die Tochter an und sagte: „Wenn’s ein toller Kerl ist, dann kann ich nur beglückwünschen.“ Die Tochter löste sich von ihm. „Kommen Sie. Ich zeige ihn Ihnen. Er ist hier.“, sagte sie und ging Papageier voraus in Wolfs Garten. Wolf machte eine abwehrende Geste »Nicht in meinen Garten«, dachte er noch, als Papageier der Tochter schon gefolgt war. Sie standen jetzt beide vor Wolf in Wolfs Garten. Papageier lächelte Wolf an, Wolf lächelte gequält zurück.

„Du stehst ja davor, Papa.“, rief die Tochter, „Geh doch mal zur Seite.“ Wolf wollte aber nicht zur Seite gehen und blieb vor der Kugel stehen und spannte seine Muskeln an. Die Tochter ging zu Wolf und rollte die Kugel hinter ihm hervor. Die Kreatur in der Kugel überschlug sich mehrfach und paddelte wild herum. Papageier schaute sie an. Sein Mund stand offen „Was ist das denn?“, fragte er die Tochter. „Das ist Ranaël. Mein Freund, den ich heiraten will“, strahlte diese. Wolf schüttelte den Kopf. Sogar der Name der Kreatur war seltsam. Papageier wiegte seinen Kopf auf dem langen Hals hin und her. Die Kreatur schaute ihn aus ihren schwarzen Augen an. „Wenn du ihn wirklich liebst, dann sollte dem nichts hinzuzufügen sein.“, sagte er schließlich und wandte seinen Kopf ab. Wolf sah schon den Ansatz eines spöttischen Lächelns in seinem Gesicht stehen. Die Tochter umarmte ihn wieder. „Ja und stell dir vor. Mein Vater hier ist dagegen.“, rief sie und zeigte auf Wolf. Papageier sah Wolf an, verzog spöttisch den Mund und sagte: „Ach Wolf, wirst du es denn nie lernen, dass sie tun, was sie wollen?“ Dann verabschiedete er sich und ging. Auf der Straße brach er in ein kurzes Lachen aus und hastete weiter zu seinem Haus. Wolf sah ihm nach. Er wusste, was jetzt kommen würde. Papageier würde alle anderen Nachbarn anrufen und von diesem Ding da erzählen. Und dann würden alle davon wissen. „Wirklich toll!“, sagte er zu seiner Tochter. Sie schaute ihn an. „Papageier hat Verständnis für mich!“, rief sie. „Verständnis!“, schrie Wolf, „Verständnis für deine Blödheit, so blöd kann man gar nicht sein!“ Er ging in sein Haus und kam wenig später mit einer langen Nadel zurück. „Ich zeig‘ dir jetzt einmal, was das für ein Ding ist, was du hier angeschleppt hast!“ Wolf stieß die Nadel in die Kugel, die Tochter schrie auf. Wolf brauchte wenig Kraft, um die Kugel zu durchdringen. Die Nadel drang durch die Flüssigkeit und stieß in die Kreatur. Die fing panisch an zu paddeln und schaute Wolf aus ihren großen Augen an, während sie versuchte, in ihrer Kugel Abstand zu ihm zu gewinnen. Die Tochter kniete sich neben die Kugel und umarmte sie. Wolf war außer sich. „Ein Schwächling ist das, nicht mehr!“, brüllte er, „Und den schleppst du an, um ihn zu heiraten!“

Die Tochter stand auf. „Ja, ich werde ihn heiraten.“, sagte sie ruhig, „Und ich pfeif‘ auf dein Einverständnis.“ Wolf schaute sie an, dann die Kreatur. Sie schwamm unruhig in ihrer Kugel hin und her. An der Nadel hing noch etwas von der Flüssigkeit. Wolfs Zorn war verschwunden. Er erinnerte sich an seine Tochter, wie sie geboren wurde. Wie er sie in den Arm genommen hatte, mit ihr spielte, sie auf die besten Schulen schickte, immer alles getan hatte, damit sie erfolgreich und glücklich würde und wie sie dann eines Morgens glücklich mit diesem Ding da auftauchte. Er holte tief Luft. „Du bist meine Tochter.“, sagte er, „Und ich will dir nur das Beste. Und weil ich dir nur das Beste will, werde ich dich jetzt retten.“ Nachdem Wolf das gesagt hatte, nahm er die Kugel, in der die Kreatur sich hin und herwarf. Er ging mit ihr durch den Garten, die Tochter schrie und lief hinter ihm und schlug ihm auf die Arme. Draußen auf der Straße, wo ihn alle Nachbarn aus ihren Fenstern sehen konnten, hob Wolf die erstaunlich leichte Kugel mit der Kreatur über seinen Kopf und warf sie auf die Straße. Es machte leise Plopp als die Kugel zerplatzte. Die Flüssigkeit lief die Straße hinunter zu einem nahegelegenen Gullideckel, wo sie im Abwasser verschwand. Die Kreatur wand sich auf der Straße. Die Tochter kniete neben ihr. Wolf lächelte. Er ging in sein Haus. Aus seinem Fenster heraus sah er mit allen Nachbarn, wie die Kreatur auf der Straße zerlief und als geleeartiger Fleck verblieb.

Gerry Huster

Über die Aufzucht roter Nelken

Über die Aufzucht roter Nelken

Rote Nelken wachsen gern im Tal auf hartem Boden
Es braucht drum keine Berge doch den Himmel ganz weit oben
Rote Nelken atmen gern der Freiheit höchste Schranken
Sie wollen keinen Dank noch sich bei niemandem bedanken

Rote Nelken wachsen zart und blühen nur von selber
Es darf nur nicht zu dunkel sein und wässre gut die Felder
Rote Nelken wachsen viel und sind doch schnell erloschen
Drum sei mit ihnen viel und schnell und gut und nur gesprochen

Den harten Schritt von braunen Lederstiefeln
Ein Gewehr das in der Sonne blitzt
Und eine Stimme die da schreit parieren

Das Siegelwachs von gut verschlossnen Briefen
Wo sie aus Angst, Wut und Verzweiflung schwitzt
Pass auf, Mensch, denn so vieles kann passieren

Gerry Huster

Von den drei Menschen die einen Zug ziehen

Von den drei Menschen die einen Zug ziehen
(Auch – politisch zu lesen)

Mit harten kampfgestählten Körpern
Einen grünen Hügel rauf
Ziehen drei Männer einen Zug
Und fragen

Wo gehen wir denn hin?
Was war denn da so schlimm?
Wo liegt darin der Sinn?
Fragen sie
Und im Zug fragen Schweine
Fährt denn der Zug alleine?

Es beißt die Männer rot die Sonne
In die Augen rinnt der Schweiß
Drei Männer fallen vor den Zug
Und klagen

Wir sind doch auch nur drei!
Es geht nicht mehr vorbei!
Wir kommen niemals frei!
Klagen sie
Und im Zug rufen Schweine
Der Zug fährt von alleine!

Rings umher ist flach die Landschaft
Keine Schiene ist zu sehn
Drei Männer tragen einen Zug
Und sagen

Da müssen wir jetzt hin.
Sonst geht es uns sehr schlimm.
Wer fragt da nach dem Sinn.
Sagen sie
Und sagen’s auch die Schweine
Der Zug fährt nicht alleine.

Gerry Huster

Geburt à la mode

Geburt à la mode

In grauen Gassen zwischen den Fassaden
Der Körper blasser Seelen wirst du gehen
Es liegen Leichen schon in deinem Graben
Und nichts als Leichen wirst du jemals sehn
Aus Türmen quillt der Rauch ergießt sich in
Der Häuser aller armen Städter Leichen
Es ruft der Baal welch Glück welch ein Gewinn
Und das nur über die paar kleinen Leichen

In überfüllter Fluren Warenhäuser
Kaufst du dir Glück im Unglück für dein Geld
Und ohne Geld wirst du ein armer Räuber
Drum ziehst du immer neu ins Backsteinfeld
Wo an der Kasse Körper drängend stehn
Presst deine Hüfte sich an andre Hüften
Du wartest bis sie endlich weiter gehen
Es ist nichts zärtliches mehr an zwei Hüften

Und wankst du dann dahin zu deinem Graben
Es gibt zu wenig Gräben auf der Welt
Begrüßt dich das Geschrei der schwarzen Raben
Es ist nicht viel was diese Welt behält
Zu vollen Gräben bist du schon am gehen
Und darfst von diesen Wegen niemals weichen
Der Raben Götterauge kann dich sehn
Du gehst von selbst gestellt sind nur die Weichen

Gerry Huster

Lied von der Henkersmachergasse

Lied von der Henkersmachergasse

In der Henkersmachergasse
Stehen kleine graue Hütten
Davor kleine graue Weiber
Und die Greise mit den Krücken

In der Henkersmachergasse
Scheint die Sonne schon zu lange
Auf den Schmutz der Straßengräben
Und die leere Fahnenstange

In der Henkersmachergasse
Stopfen Löcher nur die Taschen
Von den Frauen und den Greisen
Die schon lange nichts mehr fassen

In er Henkersmachergasse
Kommt ein hoher Mann besuchen
Mit den weißen Anzugtaschen
Und missbilligendem Fluchen

In der Henkersmachergasse
Spritzt das Blut der weißen Kälber
Und die Tränen der Verfluchten
Auf die armen Henker selber

Ja die Henkersmachergasse
Ist ein Viertel voller Armer
Die die Reichen sich dann fassen
Und zum Henker machen lassen

Gerry Huster

westlich

Wo auf einer Insel ein Volk fett feiernd lebt

Und selbst das Gesindel sonntags auf Fleisch besteht

Sind in Ozeanen der Sklaven mehr und mehr

Flehet um Erbarmen der Armen großes Heer

Wo die Gelder fließen in Weihrauch Gold und Licht

Und die Trauben sprießen wo niemand sie noch bricht

Hinter den Kulissen der Armen große Schar

Kriegen keinen Bissen von dem was ihres war

Wo die Reichen singen in Freude Lust und Tanz

Und die Lieder klingen als Boten ihren Glanz

Bildet in den Fernen der Mensch den Mensch sich ein

Eilet zu den Sternen ein Tier nicht mehr zu sein

Wo auf einer Insel ein Volk fett feiernd lebt

Und selbst das Gesindel sonntags auf Fleisch besteht

Sind die feinen Herren selbst wenig Mensch nicht mehr

Irgendwann in Särgen wird doch ihr Gold zu schwer

Gerry Huster

Der „Sinn des Lebens“

Die Frage nach dem Sinn im Leben ist eines der grundsätzlichsten Dinge, die den Menschen von den Tieren unterscheiden. Seit der Mensch Zeit hat, Gedanken auf Themen zu verwenden, die nicht auf das unmittelbare Überleben gerichtet sind, versucht er, diese Frage zu beantworten. Trotzdem ist es noch nicht gelungen, den Sinn des Lebens eindeutig festzustellen, was daran liegt, dass diese Frage in verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich angegangen wurde. Die Frage universal und „richtig“ zu beantworten ist unmöglich, da jeder Mensch individuell ein eigenes Ziel und somit auch einen eigenen Sinn im Leben festlegt kann und soll. Niemand kann also den Sinn des Lebens definieren. Aber jeder kann und sollte es auch versuchen:

Um den Sinn im Großen -also im Leben- zu finden, muss man erst einmal schauen, wo es Referenzen im Kleinen gibt, von denen man auf das Große schließen kann. Schon Aristoteles hat festgestellt, dass jede Handlung des Menschen im Kleinen einen Sinn hat und ein Ziel erfolgt. Jeder Mensch produziert etwas zu einem Zweck. Ein Färber zum Beispiel färbt Stoffe, damit diese an den Schneider verkauft werden, damit diese zu einem Anzug geschnitten werden, damit diese von einem Menschen getragen werden, damit diese nicht frieren etc. schon die kleinsten Kinder erkennen dieses Prinzip und nutzen es zu ihrer Freude mit den ewigen Warum-Fragen, die jeder, der schon einmal mit Kleinkindern zu tun hatte, kennen wird. Damit testen sie die Grenzen des Wissens der Erwachsenen, wohl wissend, dass diese Frage nach dem Warum nicht zu einem Ende geführt werden kann. Das liegt daran, dass kein uns bekanntes Sinn-System in sich geschlossen ist. Ein Stück Stoff etwa bekommt nicht dadurch einen Sinn, dass es an einen Schneider verkauft und zu einem Anzug genäht wird, und ein Anzug erhält seinen Sinn nicht bloß dadurch, dass er getragen wird, und die Tatsache, dass der Anzug getragen wird, nicht bloß dadurch, dass sie den Träger vor Kälte schützt, sondern in dem Sinn, der einzelnen Objekten zugewiesen wird, lässt sich immer ein weiterer Sinn entdecken.

Genau das gleiche System lässt sich nun im menschlichen Leben wiederfinden. Niemand existiert, nur damit er existiert, sondern, um sich zu bilden, Nachkommen zu zeugen, den evolutionären Prozess fortzuführen, um … was eigentlich? Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist also die Frage nach dem Ende dieser scheinbar endlosen -und damit auch sinnlosen- Aneinanderreihung von kleinen Sinnen.

Welche Voraussetzungen  muss dieses Ende also haben? Zum ersten müsste es sich selbst zum Sinn haben, damit die irdische Sinnkette nicht fortgeführt wird. Das heißt, es muss existieren, um zu existieren. Das setzt aber auch voraus, dass es ewig ist. Denn etwas, das nicht ewig ist und also irgendwann rest- und spurlos verschwunden sein wird, kann nicht sich selbst zum Sinn haben, da es diesen Sinn durch seine Vergänglichkeit nicht erfüllen würde und somit auch nicht anderen Dingen zum Sinn dienen könnte. Welchen Sinn hat ein Goldstück, dass unbemerkt für den Bruchteil einer Sekunde in der Tasche einer armen Bettlerin auftaucht? Und welchen Sinn hat dann ein Universum, dass unbemerkt von allem anderen für einen an der Ewigkeit gemessenen so kleinen Zeitraum auftaucht und wieder verschwindet? In beiden Fällen lautet die Antwort: für sich genommen keinen. Das Goldstück hätte aber dann einen Sinn, wenn es etwas Gold in der Tasche der Bettlerin zurücklassen würde, sodass ihr ein unverhoffter Geldsegen zuteilwird. Und genau so verhält es sich mit allen Dingen im Universum: Wir erhalten erst dadurch einen Sinn, dass wir einen Einfluss und sei er auch noch so klein und indirekt auf etwas Größeres und Unendliches haben. Viele Menschen nennen dieses Größere Gott.

Einen Sinn nur auf der Erde -zum Beispiel im Vergnügen- zu suchen, hält jedoch vor dieser Argumentation nicht stand. Denn alles, was von seinem eigenen Vergnügen beeinflusst wird -man selbst und u.U. seine Mitmenschen- ist vergänglich. Erst, wenn man von einer ewigen Instanz ausgeht, die von diesem Vergnügen beeinflusst wird (ob positiv oder negativ spielt hierbei keine Rolle), erhält das Vergnügen einen Sinn.

Gerry Huster

Blauer Mond aus Beton

Nein mein Kind der Mond ist nicht aus Käse
Schau nicht hoch gewöhn dich nicht ans Licht
In den Schluchten ist der Mondschein nicht
Hoffnung siegt doch nicht den Hunger Ärmster

Schau die Steine auf dem Weg so mächtig
Bergen Erze geben Eisen Gold
Nicht für dich denn es ist gottgewollt
Reichtum weilt hat Newton schon gelesen

Schau nur zu dein Leben wird verfließen
Und die Welt verweilt denn sie ist blind
Wir die wir von Gott verdammt doch sind
Schau der Tod erscheint so süß in Eden

Gerry Huster

Ein ganz normaler Sonntagmorgen

Ich lege eine Schallplatte auf. Als die Nadel den Lack berührt, ertönt fröhliche Musik. Kurt Weill, Friedrich Hollaender, die Zwanziger Jahre halt. Angetrieben wird die Platte von kleinen Menschen, die sie im Kreis drehen. Auf der Stange, die die Nadel an ihrer Position auf der Schallplatte hält, tanzen weitere kleine Menschen zu der Musik. Charleston. Wie passend. Lächelnd drehe ich mich von der kleinen Parade in meinem Plattenspieler weg. Auf meiner Computertastatur hat ein Papagei sein Netz gebaut. Er hat ein herrliches Gefieder. Ich habe noch nie einen Vogel mit blauen, roten, gelben und grünen Federn gesehen. „Hallo“, sage ich. „Hallo“, krächzt er zurück. „Wie geht es dir?“ frage ich ihn. „Wie geht es dir?“ fragt er mich zurück. `Ah ja´, denke ich. `Papageien. Die mit dem Nachplappern´ Ich seufze und drehe die Musik lauter. Eine der Gestalten, die die Platte anschieben, kommt mit der Hand unter die Nadel. Ihre Schreie werden von der lustigen Musik übertönt. `Zieh‘ dich aus, Petronella…´ Das Blut des kleinen Wesens spritzt hoch zu den tanzenden Menschen. Die schauen sich um und sehen ganz entsetzt auf die Arbeiter unten um die Schallplatte herum. Einige kleine Damen fallen in Ohnmacht. Die Menschen unten haben aufgehört, die Schallplatte zu drehen. Die Musik ist verstummt. Das gefällt den Herren oben nicht. Sofort befehlen sie den Arbeitern die Schallplatte weiter anzuschieben. Die Musik ertönt wieder. Zufrieden drehe ich mich um. Der Papagei hat begonnen, sich seine Federn auszureißen. „Was machste denn da?“ frage ich. „Heute ist Tag der freien Körperkultur“, die flapsige Antwort „hast du denn von nichts `ne Ahnung?“ „Ich weiß nur, dass ich einen Vogel vor mir habe, der sich von selbst pfannenfertig macht, was zumindest aus der Vogelperspektive betrachtet ziemlich dämlich ist. Außerdem sieht das ekelhaft aus. Zieh dir was an!“ „Arschloch“, erwidert der Vogel und wirft sich einen Bademantel über. Mein Handy klingelt. Ich gehe ran. „Haste Bock heute Abend noch `nen Burger essen zu gehen?“, begrüßt mich mein Freund. Ich habe vergessen, wie genau er heißt. Ich tippe auf Tobias. „Du weißt doch, dass ich seit Mittwoch Vegetarier bin.“, antworte ich. „Immer noch? Bloß, weil sie dir einmal ein lebendiges Schwein auf den Teller gepackt haben? Das ist doch Schwachsinn! Vegetarisch ist total ungesund. Menschen haben doch schon immer Fleisch gegessen.“ „Hey, Papagei“, frage ich den Papagei „ist vegetarisch leben ungesund?“ „Oh nein, gar nicht“, erwidert mein Papagei, der bis dahin sehr interessiert zugehört hatte, „ganz im Gegenteil. Zahlreiche Studien haben bewiesen, dass…“ „Ich habe gehört, dass vegetarisch gesünder ist.“, spreche ich ins Telefon, „Wer hat dir das gesagt? Ich habe im Internet gelesen, dass vegetarisch echt nicht cool ist. Wegen dem Vitamin G, oder so.“ „Naja, wenn du das sagst, brate ich mir heute vielleicht doch noch einen schönen saftigen Vogel.“ Als der Papagei das hört, schreit er ängstlich auf und versucht, mit seinen federlosen Flügeln aus dem Fenster zu fliehen. Er bruchlandet in der Regenrinne. „Du, ich muss Schluss machen“, sage ich zu meinem Freund, „mein Papagei ist gerade bei einem missglückten Flugversuch in der Regenrinne geendet. Vielleicht können wir ja mal etwas anderes unternehmen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten lege ich auf. In dem Nest des Papageis liegen ein paar halb geschmolzene Schokokekse. „Hey“, rufe ich nach unten, „Versteckst du etwa Kekse vor mir?“ Als ich den Papagei aus der Regenrinne hole, fällt mir auf, dass sein Hinterteil mit geschmolzener Schokolade bedeckt ist. „Ach, deswegen auch immer die braunen Schwanzflossen“, grinse ich, „ich habe mich schon gewundert, weil Vögel ja eigentlich weiß…“ „Halt den Schnabel“, krächzt der Vogel müde.

Gerry Huster