Der Mensch vor der Tür

Als ich neulich versuchte, eine Tür zu öffnen, von der ich nicht wusste, ob sie verschlossen war, ist mir eine gewisse Verhaltensweise an mir selbst aufgefallen. Ich testete in beide Richtungen, ob die Tür sich öffnen ließe, oder nicht. Ich wusste aber vorher anhand der Scharniere, in welche Tür sie sich hätte öffnen lassen müssen, wenn sie denn nicht geschlossen wäre. Also probierte ich, sie in diese Richtung zu öffnen. Als das nicht funktionierte, versuchte ich dennoch, sie wider besseres Wissen in die andere Richtung zu öffnen. Dieses Verhalten habe ich anschließend noch bei mehreren anderen Leuten beobachtet. Wenn man die von mir eben beschriebene Situation von außen beobachtet, kann man mich natürlich erst einmal für dumm halten. Immerhin habe ich etwas vollkommen Unlogisches getan.

Man könnte es allerdings auch anders sehen.

Denn ich bin ja sehr wohl zu der Erkenntnis gelangt, wie man die Tür zu öffnen hat. Trotzdem habe ich es auch auf die andere -sinnlose- Art versucht. Und darin verbirgt sich meiner Meinung nach ein ganz bedeutender Grund für den Erfolg der menschlichen Spezies. Denn dieses Vorgehen macht zwei Denkweisen deutlich. Zum einen die Logische. Ich gehe auf eine Tür zu und erschließe mir dabei schon, indem ich beobachte, wie sie aufgebaut ist, in welche Richtung sie aufgehen muss. Das ermöglicht mir, die Tür schnellstmöglich zu öffnen. Zum anderen jedoch ist da die Reaktion, wenn die Tür nicht beim ersten Versuch aufgeht. Anstatt direkt einen anderen Weg zu suchen, zieht man auch die Möglichkeit in Betracht, dass die Tür auf eine Art und Weise funktioniert, die man noch nicht kennt. Das ist das Selbstkorrigierende Denken. Es ermöglicht mir, mein Wissen zu erweitern und damit mein Logisches Denken zu verbessern.

Beide Aspekte des menschlichen Geistes waren und sind nun absolut notwendig für den „Fortschritt“. Denn ohne das Logische Denken gibt es keine Technologie, die geholfen hat, die Kultur zu erschaffen und damit erst einen Raum geschaffen hat, indem die Menschheit überleben und sich entfalten kann[1].  Und das Selbstkorrigierende Denken sorgt dafür, dass der Mensch sich nicht bedingungslos auf seine Logik verlässt. So gut wie alle Tiere verfügen über mehr oder minder Logisches Denken. Wenn sie aber nicht über das Selbstkorrigierende Denken verfügen, verweilt der Umfang ihres Logischen Denkens auf einem niedrigen Niveau. Auch das Logische Denken des Menschen war einst auf diesem Niveau. Das Selbstkorrigierende Denken sorgte jedoch dafür, dass er auch immer wieder bereit war, den Horizont und den Umfang seiner Logik zu erweitern. Es ist diese Experimentierfreudigkeit, die der Mensch als einzige Spezies auf der Erde in diesem Umfang mit dem Logischen Denken gekoppelt hat.

Darum kann man anhand meines Verhaltens vor einer geschlossenen Tür wichtige Gründe dafür erkennen, wie der Mensch es geschafft hat, die den Planeten beherrschende Spezies zu werden.

Gerry Huster

[1] vgl. Arnold Gehlen (Mängelwesentheorie)

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