Reisegedichte: Wieder-Sehen

Wieder-Sehen

Als ich meine Heimat verließ
Da regneten die Wolken als
Ob der Himmel weinen würde
Dass ich fortging

Aber als ich in der Ferne ankam
Da war derselbe Himmel meiner Heimat über mir
Und dieselbe Sonne ließ die Blumen
Auf meinem Grabe erblühen und verdorren
Die auch das Haus meiner Geburt beschienen hatte

Unter diesem Himmel und dieser Sonne
Setzte ich mich
In der Ferne meiner Heimat
Zu Staub und weinte

Gerry Huster

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Die Tempel

Die Tempel
Durch trübe Gläser eines Tempels
Schaut eine Wolke rein
Die haben Winde hergetrieben
Zu dieser Tempelpein

Die Wolke lockt des Tempels Türe
In ursprünglicher Macht
Allein der Tempel bleibt verschlossen
Er selbst hält für sich Wacht

So viel wie Menschen sich auch schaffen
In ihrer Erdenzeit
Der Wolke schien  nur dieser Tempel
Im Leben zum Geleit

Was quälst du Wolke diesen Tempel
Der so gut zu dir ist
Wie kann es dir denn nicht genügen
Dass du am Fenster bist.

Gerry Huster

Frühlingserwachen

Frühlingserwachen

Des Nachts im süßen Schlaf die dunkle Decke
Schnee begrub mich unter kaltem Schein
Ganz weiß und weich dass ich mich nicht erschrecke
Schwindet langsam unbemerkt das Sein

Des Morgens Wärme weckt den alten Schläfer
Wütend schaut die Sonne heute zu
Der Schnee zerrinnt und Matsch ertränkt wie Käfer
Nichts als Sehnsucht bleibt von guter Ruh

Sag, kann denn Schnee nicht Hagel sein
Der mich im Traum erschlägt
Und trägt; aus dieser Welt

Sag, warum ist die Nacht so klein
Was habe ich gewählt!
Es zählt; nichts was behält

Gerry Huster

Glaskörper

Glaskörper

Oh Zukunft

Junge Frau im weißen Brautkleid
Silbern fällt dein Schleier hinten herab
Aus Myriaden fester Brüste
Gibst du deinen Kindern süße Milch

Du alte Frau du immerwährende
Die stetig stirbt und neu geboren wird
Einer Mutter, Freundin, Tochter gleich
Stehst du da mit Strickzeug in den Händen der Geschichten

Schwarz legt sich der Schleier über mein Gesicht
Ganz wie als wäre es das einer Witwe
Und noch die süße Milch verformt
Mein dummer Mund zu kalter Asche

Frohgemut eile ich der Zwangshochzeit entgegen
Zu dir im Brautkleid aller Farben
Allein sehenden Auges kann ich nicht bestehn
Ich fürchte mich vor dir

Gerry Huster

Die Entrückung

Die Entrückung

Des Morgens denn die Sterne schliefen in der Nacht so schön
Ging ich von dieser Welt sie war zu voll
Ich ging im Ganzen damals unbesehn
Groß war sie diese Welt denn sie war toll

Es lag eine Stille über diesem Meer und sie war wundersam
Weich spiegelte der Himmel sich darin
Ich liebte diesen Himmel und das Meer als ich da kam
Ich Gast der ich in reiner Stille bin

Nur manchmal schau ich noch die rote Erde
Sie liegt so klein und schwer und unter mir
Und produziert ihr ewiges Gelärme

Des sterbend noch gebärendem Getier
So zieht mich an das Feuer dieser Erde
So wie sie liegt ganz blutig unter mir

Gerry Huster

Für den toten Bettler

Für den toten Bettler

An der Straße der toten Seelen
gegenüber von der Nummer vierundzwanzig
liegt ein Mann den haben sie
niedergestochen grad da die Nacht am größten war
Und alles geraubt nur seinen Ring vom Finger
Nicht. Die Polizei
schaute nicht den Ring Was zählte
dieser Ring des alten Mannes
vor dem Messer in seiner Brust?

Gerry Huster

Geburt à la mode

Geburt à la mode

In grauen Gassen zwischen den Fassaden
Der Körper blasser Seelen wirst du gehen
Es liegen Leichen schon in deinem Graben
Und nichts als Leichen wirst du jemals sehn
Aus Türmen quillt der Rauch ergießt sich in
Der Häuser aller armen Städter Leichen
Es ruft der Baal welch Glück welch ein Gewinn
Und das nur über die paar kleinen Leichen

In überfüllter Fluren Warenhäuser
Kaufst du dir Glück im Unglück für dein Geld
Und ohne Geld wirst du ein armer Räuber
Drum ziehst du immer neu ins Backsteinfeld
Wo an der Kasse Körper drängend stehn
Presst deine Hüfte sich an andre Hüften
Du wartest bis sie endlich weiter gehen
Es ist nichts zärtliches mehr an zwei Hüften

Und wankst du dann dahin zu deinem Graben
Es gibt zu wenig Gräben auf der Welt
Begrüßt dich das Geschrei der schwarzen Raben
Es ist nicht viel was diese Welt behält
Zu vollen Gräben bist du schon am gehen
Und darfst von diesen Wegen niemals weichen
Der Raben Götterauge kann dich sehn
Du gehst von selbst gestellt sind nur die Weichen

Gerry Huster

der zug

Der Zug

Verschwunden ist das Stampfen der Räder
Der Zug bleibt

Im Dunkeln gleitend nächtelang
Durch die Welt erfüllt
von gleichen fremden
Gesprächen Fremder
Sprachen durch die
Weiten Lande

Im Fenster meines Zuges sehe
Ich mein Leben
dahinfließen während
Ich gefangen
In Zügen ohne Türen gehe
Auf weichenlosen Schienen rufe
Ich ungehört
diesen schlag meines herzens

Verschwunden ist der Dampf der Ventile
der zug bleibt!

gerry huster
der sich selbst verschollene

Rezitativ der Flüchtenden

Rezitativ der Flüchtenden

  1. Wie dunkel sind die feuchten Höhlen. Die Fabriken wo Reichtum geschaffen wird.

(refrain):
Noch einen Schritt Nur einen Schritt
      Der Marsch geht weiter
      die pechschwarzen Reiter
                  Gnade wer mit ihnen stritt
Tu deinen Schritt nur einen Schritt

2. Wie zahlreich sind unsere Massen im Rahmen der Unendlichkeit

(ref.)

3. Wie mächtig ist der Gott der Winde auf dem Meer. Der Gott der rasenden Kugeln, der ewigen Menschlichkeit.

(ref.)

4. Wie groß ist unser Zweifeln auf dem ewigen Sterben des Weges.

(ref.)

5. Wie weit ist unsere Heimat in der Unbestimmtheit des Universums.

(ref.)

6. Wie süß scheint das Menschenrecht privilegierter Völker.

7. Wie dunkel scheint die Nacht der verschlossenen Türen.

8. Wie erschreckend scheint der Gang des ruhigen Meeres.

9. Wie traurig klingt die Geige in der Einöde des menschlichen Herzens.

(ref.)

10. Wir sind die Masse der ungekannten Namen. Wir ziehen für die Ewigkeit. Einige verschwinden aus uns. Andere kommen hinzu. So ist das. Wir sind Vertriebene ohne Richtung

Noch einen Schritt nur einen Schritt
      Der Marsch geht weiter
      die pechschwarzen Reiter
                  Und wenn man mit ihnen stritt
Wär das dein Schritt der eine Schritt

Gerry Huster

Tränentraum

Tränentraum

Ich wünschte eine Träne
Trät‘ aus dem Aug‘ heraus
Dass als dann jeder sähe
Den mächt‘gen Todesrausch

Ich wünschte mein Gesichte
Wär‘ nass vom Tränenstrom
Es ginge dann zunichte
Des meinen schwarzer Thron

Ich wünschte mir die Träne
Würd‘ steigen hoch empor
Und in der Himmelssphäre
Durch ewig golden Tor

Und doch wie ich auch rede
Vom schönen Irgendwann
Ich bleibe in der Schwebe
Weil ich nicht weinen kann

Gerry Huster