Das Gras ist immer noch gelb – Eine Kurzgeschichte

Das Gras ist immer noch gelb

Am fünfzehnten Tag in einem Monat August fiel der hart arbeitende und bei seinen Freunden und Kollegen geschätzte S., nachdem er sich abends im Kreise einiger Freunde getroffen und gerade einen Teller Essen geholt hatte, auf dem Weg zurück zu der Gesellschaft in das von der Sonne gelbgetrocknete Gras und bewegte sich nicht mehr. Es waren sofort Leute herbeigestürzt, die den bewegungslosen S. auf den Rücken drehten, sodass seine geöffneten Augen und sein krampfhaft grimassenschneidender Mund geradewegs in den sich verdunkelnden Himmel blickten, und so lag er nun, auf seinem weißen T-Shirt einen tomatenroten Fleck, wo er seinen Teller unter sich begraben hatte, da und schaute in das Dunkelblau, in dem sich die ersten Sterne zeigten. Unter den Freunden des S. war auch eine Ärztin, die mit dem S. allerdings nur sehr lose bekannt war. Sie stürzte sich sofort und noch kauend wie ein Vogel im Sturzflug auf den S. und betastete und befühlte den wie leblosen Körper besonders da, wo das Essen seine roten Abdrücke hinterlassen hatte. Unterdessen war der Teller des S. aus dem vertrockneten Gras gehoben worden und es wurde mit Erstaunen festgestellt, dass er heil geblieben war, sodass der S. sich keine Schnittwunden zugezogen haben konnte. Die Freundin wollte dem S. sein T-Shirt über den Kopf ziehen, aber kaum, dass sie das versuchte, verkrampfte sich S. und versteifte seine Arme, sodass sie schließlich nach einer Schere rief und mit dieser dann das T-Shirt zerschnitt und den dünnen Körper des S. freilegte.

S. hatte kleine, pinke Brustwarzen, die von einigen wenigen Haaren umgeben waren. Seine Brust hob und senkte sich regelmäßig und tief, obwohl er keinen Atemlaut von sich gab. Die Freundin presste ihre Hand auf S.‘ Brust, als würde sie versuchen, die gesamte Luft aus ihm herauszupressen und unweigerlich weiteten sich S.‘ Pupillen unter den nur halb geöffneten Augen, die nach oben in den Himmel stachen, und der Körper des S. bäumte sich unter den heftigen Stößen der Freundin auf und fiel dumpf wieder zu Boden. Sein Herz schlug langsam und regelmäßig. Die Freundin ließ von S.‘ Brust ab, die sich weiter hob und senkte wie vorhin. Sie fuhr fort, S. zu betasten, drückte ihm in die Seiten und vergrub ihre Finger in seinem Fleisch, sodass die Herumstehenden den Atem anhielten. S. aber bewegte sich nicht und oben an dem Himmel war blass vor blauem Hintergrund der Mond sichtbar geworden und schaute gemeinsam mit der errötenden Sonne auf die Menschen, die dort auf der gelben Wiese standen.

Als die Freundin S. vollständig untersucht hatte, drehte sie sich zu den Herumstehenden um und erklärte, es gebe überhaupt nichts, was dem S. fehle und auch eine Untersuchung in einem Krankenhaus bestätigte dies später an dem gleichen Tag. Die Freundin schaute wieder zu S. hin und wurde wütend über ihn, der auf dem Boden lag. Sie wiederholte noch einmal lauter, dass es nichts gäbe, was dem S. fehle, dass sein Körper sehr wohl bereit sei, sich zu bewegen. S.‘ Augen staken zur Hälfte geöffnet und müde in den Himmel. Von dem Grill drang ein verbrannter Geruch herüber und einige der Herumstehenden machten sich mit sehr großer Eile daran, die auf dem Grill vergessenen Lebensmittel zu retten. S.‘ Brust hob und senkte sich und unter den Füßen der eilig Herumstehenden raschelte trocken das vergilbte Gras und die Grashalme brachen ab.

Die Freundin kniete sich vor S. und schaute in seine Augen. „Dir fehlt nichts.“, sagte sie, „Steh auf, du hast keinen Grund hier zu liegen.“ Als sie das gesagt hatte, zuckte sie zurück. Denn die Augen dieses leblosen Körpers, die matt in den Himmel ragten, füllten sich mit Tränen.

Gerry Huster

Geburt

Aus Impressionen eines Kindes

Geburt

Als Ich geboren war, lag ich in einem Raum auf einem weißen Bett, drei Menschen um mich rum. Der erste Mensch lag vor mir mit gespreizten Beinen und ich konnte die beiden Öffnungen sehen, die in seinen Körper hineinführten. Er zitterte und keuchte und ich erinnerte mich, dass er noch vor wenigen Momenten viel zu laut geschrien hatte. Eine Spur aus Schleim, Blut und anderen Ausscheidungen führte von ihm zu mir und ich fühlte mich ihm durch das Blut und die Ausscheidungen verbunden. Auch ich war, wie ich feststellte, mit diesem Schleim bedeckt. Als ich mich umdrehte, sah ich den zweiten Menschen. Er saß mir gegenüber auf einem kleinen Stuhl. Ein Schweißtropfen floss träge seine Wange hinab. Er hob seine Hand und winkte mir zu und verzog sein Gesicht auf merkwürdige Weise, dass seine Zähne rausschauten und die Mundwinkel nach oben wanderten.

Der dritte Mensch, den ich bis dahin nicht gesehen hatte, nahm mich hoch und schnitt mir ein Stück Haut ab, das aus meinem Bauch raushing und dort ein kleines Loch hinterließ. Ich sah zu, wie das Stück Haut von mir ab und zu Boden fiel. Der dritte Mensch nahm mich hoch und schlug mir leicht auf den Rücken. Ich fing an zu schreien, als ich den Stoß durch meinen Körper gehen spürte, und der dritte Mensch gab mich dem ersten Menschen und legte mich auf ihn drauf. Der erste Mensch trug ein weites weißes Kleid, das er öffnete und eine Brust quoll daraus hervor, die er mir zwischen meine schreienden Lippen führte und ich saugte daran und trank eine süße Flüssigkeit.

Während ich trank, spürte ich, wie die Erinnerungen an einen dunklen Ort, wie ich schlief und schwamm und gewesen war, und an das Schreien und das schmerzhafte Pressen verschwanden. Ohne zu wissen, was das war, wusste ich, dass ich leben wollte.

Gerry Huster

Unter Tieren zerrissen – Eine Kurzgeschichte

Unter Tieren zerrissen

Wolf stand in seiner Haustür und schaute das Ding an. Er schaute zu seiner jüngsten Tochter, die danebenstand, und dann wieder zu dem Ding vor seiner Haustür.

„Was soll das Ding hier?“, fragte er seine Tochter. Er zitterte vor Wut. „Warum hast du das angeschleppt?“ Seine Tochter stand neben dem Ding. Das Ding war ein hüfthoher durchsichtiger Ball, der mit einer wässrigen Flüssigkeit angefüllt war, in der eine merkwürdige Kreatur schwamm.

„Ich wollte dich ihm vorstellen.“, sagte die Tochter und lächelte gezwungen. Das Ding in der Kugel schaute Wolf mit großen schwarzen Augen an.

„Was soll ich damit?“, fragte Wolf seine Tochter und bemühte sich, dem Ding nicht in die Augen zu schauen. Der Kopf des Dings war an einem schmächtigen Körper befestigt. Von einer verkümmerten Brust gingen zwei Stöckchen aus, die die Arme sein sollten. Die Hände waren zu Flossen verkümmert, aus denen die Finger nur noch schwach herausschauten. Unterhalb des Bauches begannen zwei derart kleine Beinchen, dass Wolf sie erst gar nicht erkannte. Sie schlugen hinter dem Ding in gleichmäßigen Bewegungen auf und ab und hielten seinen Körper so in der Kugel in der Schwebe.

„Du sollst gar nichts damit.“, antwortete ihm seine jüngste Tochter, „Aber ich will etwas mit ihm. Ich will ihn heiraten.“ Wolfs Gesicht lief rot an. Die Kreatur in der Kugel öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber es kamen nur leere Luftblasen heraus, die zur Decke der Kugel aufstiegen und sich dort verloren. Wolf sah das Ding an.

„Bist du verrückt?“, rief er lauter, als er es beabsichtigt hatte, „Das Ding und…“ Er musste husten. Dann beugte er sich nach vorne aus seiner Haustüre raus und schaute die Straße rauf und runter. Es war keiner zu sehen. Wolf setzte noch einmal an: „Das Ding und heiraten?“, wiederholte er, „Ich kann noch nicht einmal einen Penis sehen. Du kannst doch das nicht heiraten.“ Seine jüngste Tochter schaute ihn an. Sie trug ein weißes Kleid. Hinter ihr war der kleine Vorgarten grün im ankommenden Frühling. Wolf schwitzte leicht. Das Ding hatte seine großen Augen Wolfs jüngster Tochter zugewendet. Es schlug immer noch langsam mit seinen Armen und Beinen in der Kugel, um nicht hinunterzusinken.

„Ja, ich will ihn heiraten.“, sagte seine Tochter und ein Windstoß lüftete ihr Kleid, sodass es an ihren Beinen herumspielte. Wolf schüttelte den Kopf. Ein Mann kam die Straße hoch. Wolf lehnte sich wieder aus der Haustür raus. Es war Papageier, der gerade kam. Einer der Nachbarn. Wolf ging in den Garten und stellte sich vor das Ding. „Grüß dich, Papageier.“, sagte er und versuchte, die Kugel hinter ihm gut zu verdecken.

„Tag Wolf.“, antwortete Papageier. Seine jüngste Tochter eilte Papageier entgegen. Wolf fluchte leise. Sie hatte schon immer etwas an diesem Papageier gefunden. Papageier, dieser schleimige Typ mit dem langen Hals und der Langhaarfrisur, der immer etwas zu erzählen hatte.

„Herr Papageier, was würden Sie sagen, wenn ich verliebt bin?“, fragte die Tochter und begrüßte ihn mit einer Umarmung. Herr Papageier fasste sie an den Schultern und sah sie an. „Doch nicht in mich?“, fragte er und lachte dabei mit seinem großen Mund. Er war viel älter als die Tochter. Die Tochter lachte auch und erwiderte: „Nein, nicht in Sie.“ Wolf stand vor der Kugel und schaute dunkel. Er mochte Papageier nicht. Papageier sah die Tochter an und sagte: „Wenn’s ein toller Kerl ist, dann kann ich nur beglückwünschen.“ Die Tochter löste sich von ihm. „Kommen Sie. Ich zeige ihn Ihnen. Er ist hier.“, sagte sie und ging Papageier voraus in Wolfs Garten. Wolf machte eine abwehrende Geste »Nicht in meinen Garten«, dachte er noch, als Papageier der Tochter schon gefolgt war. Sie standen jetzt beide vor Wolf in Wolfs Garten. Papageier lächelte Wolf an, Wolf lächelte gequält zurück.

„Du stehst ja davor, Papa.“, rief die Tochter, „Geh doch mal zur Seite.“ Wolf wollte aber nicht zur Seite gehen und blieb vor der Kugel stehen und spannte seine Muskeln an. Die Tochter ging zu Wolf und rollte die Kugel hinter ihm hervor. Die Kreatur in der Kugel überschlug sich mehrfach und paddelte wild herum. Papageier schaute sie an. Sein Mund stand offen „Was ist das denn?“, fragte er die Tochter. „Das ist Ranaël. Mein Freund, den ich heiraten will“, strahlte diese. Wolf schüttelte den Kopf. Sogar der Name der Kreatur war seltsam. Papageier wiegte seinen Kopf auf dem langen Hals hin und her. Die Kreatur schaute ihn aus ihren schwarzen Augen an. „Wenn du ihn wirklich liebst, dann sollte dem nichts hinzuzufügen sein.“, sagte er schließlich und wandte seinen Kopf ab. Wolf sah schon den Ansatz eines spöttischen Lächelns in seinem Gesicht stehen. Die Tochter umarmte ihn wieder. „Ja und stell dir vor. Mein Vater hier ist dagegen.“, rief sie und zeigte auf Wolf. Papageier sah Wolf an, verzog spöttisch den Mund und sagte: „Ach Wolf, wirst du es denn nie lernen, dass sie tun, was sie wollen?“ Dann verabschiedete er sich und ging. Auf der Straße brach er in ein kurzes Lachen aus und hastete weiter zu seinem Haus. Wolf sah ihm nach. Er wusste, was jetzt kommen würde. Papageier würde alle anderen Nachbarn anrufen und von diesem Ding da erzählen. Und dann würden alle davon wissen. „Wirklich toll!“, sagte er zu seiner Tochter. Sie schaute ihn an. „Papageier hat Verständnis für mich!“, rief sie. „Verständnis!“, schrie Wolf, „Verständnis für deine Blödheit, so blöd kann man gar nicht sein!“ Er ging in sein Haus und kam wenig später mit einer langen Nadel zurück. „Ich zeig‘ dir jetzt einmal, was das für ein Ding ist, was du hier angeschleppt hast!“ Wolf stieß die Nadel in die Kugel, die Tochter schrie auf. Wolf brauchte wenig Kraft, um die Kugel zu durchdringen. Die Nadel drang durch die Flüssigkeit und stieß in die Kreatur. Die fing panisch an zu paddeln und schaute Wolf aus ihren großen Augen an, während sie versuchte, in ihrer Kugel Abstand zu ihm zu gewinnen. Die Tochter kniete sich neben die Kugel und umarmte sie. Wolf war außer sich. „Ein Schwächling ist das, nicht mehr!“, brüllte er, „Und den schleppst du an, um ihn zu heiraten!“

Die Tochter stand auf. „Ja, ich werde ihn heiraten.“, sagte sie ruhig, „Und ich pfeif‘ auf dein Einverständnis.“ Wolf schaute sie an, dann die Kreatur. Sie schwamm unruhig in ihrer Kugel hin und her. An der Nadel hing noch etwas von der Flüssigkeit. Wolfs Zorn war verschwunden. Er erinnerte sich an seine Tochter, wie sie geboren wurde. Wie er sie in den Arm genommen hatte, mit ihr spielte, sie auf die besten Schulen schickte, immer alles getan hatte, damit sie erfolgreich und glücklich würde und wie sie dann eines Morgens glücklich mit diesem Ding da auftauchte. Er holte tief Luft. „Du bist meine Tochter.“, sagte er, „Und ich will dir nur das Beste. Und weil ich dir nur das Beste will, werde ich dich jetzt retten.“ Nachdem Wolf das gesagt hatte, nahm er die Kugel, in der die Kreatur sich hin und herwarf. Er ging mit ihr durch den Garten, die Tochter schrie und lief hinter ihm und schlug ihm auf die Arme. Draußen auf der Straße, wo ihn alle Nachbarn aus ihren Fenstern sehen konnten, hob Wolf die erstaunlich leichte Kugel mit der Kreatur über seinen Kopf und warf sie auf die Straße. Es machte leise Plopp als die Kugel zerplatzte. Die Flüssigkeit lief die Straße hinunter zu einem nahegelegenen Gullideckel, wo sie im Abwasser verschwand. Die Kreatur wand sich auf der Straße. Die Tochter kniete neben ihr. Wolf lächelte. Er ging in sein Haus. Aus seinem Fenster heraus sah er mit allen Nachbarn, wie die Kreatur auf der Straße zerlief und als geleeartiger Fleck verblieb.

Gerry Huster

Der Holztisch – Eine Hypotaxe

Der Holztisch – Eine Hypotaxe

Als ich an dem frühen Morgen des Sonntages, der schon seit den ersten seiner Stunden trüb und grau gewesen war,auf der Terrasse eines am Meer gelegenen kleinen französischen Cafés, welchesum die frühen Morgenstunden noch bis auf die freundlich und doch müde lächelnde, gerade an der Grenze dessen, was man als „Jugend“ zu bezeichnen pflegt, angekommene Bedienung, die hier erst seit eben diesem Tag in dem Café angestellt war und eine höflich-zuvorkommende alte Dame, die nun in Rente gegangen war, um sich mehr auf das zu konzentrieren, was sie das„Halbleben“ nannte, weil sie keine Kraft mehr fand, das ganze Leben zu leben, aber immer noch freundlich und geistreich aus ihren kleinen Äuglein unter denmächtigen Augenbrauen und dem ergrauten aber vollen lockigen Haar blitzte, ersetzt hatte, gänzlich leer war, wenn man von dem alten und struppigen und ungebeten treuen Hund, welcher einen mit Augen pflegte anzusehen, die von all dem Leidenund Trauern einer jeden intelligenten Kreatur sprachen, einmal absieht, der jeden Morgen kam, um sich unter dem an der Wand befestigten alten Heizkörper so lange von der Kälte der Nacht zu wärmen, bis ihn die alte Dame entdeckt und lachend-wütend aus dem Café gejagt hatte, die Morgenstunden genoss und die vom Meer, welches bei Flut bis an die Stufen der Terrasse reichte, sich jedoch an diesem Morgen zurückgezogen hatte, gesalzene und kühle Luft um meine Nase spielen ließ, während ich meine Ohren mithilfe einer Mütze vor der Kälte zu schützen versuchte, was mir mit allenfalls mäßigem Erfolg gelang, sowie eine einzelne Möwe bei ihrem majestätischen Gleitflug beobachtete, den sie nur ab und an unterbrach, um ins Meer hinabzutauchen und -augenscheinlich immer erfolglos- nach Fischen zu schnappen, sodass sie nun schon ob ihres Misserfolgs seit längerem über dem Meer glitt, während ich meinen heißen Kaffee, welchen ich selten trank, da mir dieses schwarze Gebräu ob seines bitteren Geschmacks für gewöhnlich zutiefst zuwider war, schlürfte und ab und an einen kleinen Bissen meines Croissants, das in dem Café gebacken worden war und ganz wie der Kaffee nach meiner bescheidenen Meinung das beste seiner Art war, auf einem kleinen grauen Stuhl an einem von der salzgeschwängerten Luft im Laufe der Jahre ganz ausgebleichten ehemals mahagonifarbenen Holztisch, der hier bereits seit den Jahrzehnten stand, die für mich zu früh gekommen waren und an dem die Spuren von ungezählten Fluten und Tellern und Essensresten und Kaffeeflecken und Regengüssen nicht spurlos vorüber gegangen waren, der aber dennoch rein und würdevoll jedem erschien, der das Glück hatte, sich an seine hölzerne Seite setzen zu dürfen und seines allzu offensichtlichen Alters zum Trotz nicht den Eindruck erweckte, seine ehrwürdige Tätigkeit als Unterlage und Stütze für all die Gäste des Cafés aufgeben zu wollen sondern vielmehr eine gar erotische und ewige Ausstrahlung hatte, die ihn für meinen Geist von allen anderen Tischen unterschied und der für immer an seinem Platz stehen zu wollen schien, um das Kommen und Gehen dieses blauen Giganten zu beobachten und das Gewimmel an Menschen unter dem blauen Himmel mit seinen Wolken in alter Weisheit ruhig über sich ergehen zu lassen, saß, betrachtete ich mich in einer Pfütze, die sich von dem letzten Regen, der vor einer guten Stunde in einem kurzen aber starkem Schauer, der mit starken Winden einherging, die in der Straße des Cafés zwei Straßenschilder umgeworfen hatten, niedergegangen war, in einer Kuhle auf demTisch gebildet hatte, spiegelte und mein Spiegelbild betrachtete, und wurde mir meiner Jugend bewusst, die sich auf diesem alten Tisch abzeichnete, wobei ich meine Mütze abnehmen musste, um mir durch meine vollen blonden und weichen Haare zu streifen, und die glatte Haut meines jungen und unerfahrenen Gesichtes zu betrachten und die darin gelegenen gerade über der wuchtigen und doch feingeschnittenen Nase platzierten Augen, welche das einzige Farbtüpfelchen zwischen dem grauen Himmel und meiner weißen Haut zu sein schienen, die in all der Ernsthaftigkeit, die die Jugend wohl aufzubringen vermag und in all der Weisheit, die sie vorzutäuschen in der Lage ist, erstrahlten, zu bestaunen, sowie meine von der trockenen Luft des beginnenden Winters ganz spröde und inTeilen gar aufgesprungenen Lippen anzuschauen, welche noch nie ihren Weg zudenen einer Frau gemacht hatten und ich bedauerte sie und entschuldigte mich bei ihnen, ihnen nie die Möglichkeit, die erste Erfahrung und den erstenKontakt mit ihrem weiblichen Gegenstück zu machen, gegeben zu haben, als mir einfiel, dass doch gerade morgen vor einem Jahr mein letzter Geburtstag gewesenwar und ich war mir ob der Ironie der Sache wohl bewusst.

Gerry Huster

Ein ganz normaler Sonntagmorgen

Ich lege eine Schallplatte auf. Als die Nadel den Lack berührt, ertönt fröhliche Musik. Kurt Weill, Friedrich Hollaender, die Zwanziger Jahre halt. Angetrieben wird die Platte von kleinen Menschen, die sie im Kreis drehen. Auf der Stange, die die Nadel an ihrer Position auf der Schallplatte hält, tanzen weitere kleine Menschen zu der Musik. Charleston. Wie passend. Lächelnd drehe ich mich von der kleinen Parade in meinem Plattenspieler weg. Auf meiner Computertastatur hat ein Papagei sein Netz gebaut. Er hat ein herrliches Gefieder. Ich habe noch nie einen Vogel mit blauen, roten, gelben und grünen Federn gesehen. „Hallo“, sage ich. „Hallo“, krächzt er zurück. „Wie geht es dir?“ frage ich ihn. „Wie geht es dir?“ fragt er mich zurück. `Ah ja´, denke ich. `Papageien. Die mit dem Nachplappern´ Ich seufze und drehe die Musik lauter. Eine der Gestalten, die die Platte anschieben, kommt mit der Hand unter die Nadel. Ihre Schreie werden von der lustigen Musik übertönt. `Zieh‘ dich aus, Petronella…´ Das Blut des kleinen Wesens spritzt hoch zu den tanzenden Menschen. Die schauen sich um und sehen ganz entsetzt auf die Arbeiter unten um die Schallplatte herum. Einige kleine Damen fallen in Ohnmacht. Die Menschen unten haben aufgehört, die Schallplatte zu drehen. Die Musik ist verstummt. Das gefällt den Herren oben nicht. Sofort befehlen sie den Arbeitern die Schallplatte weiter anzuschieben. Die Musik ertönt wieder. Zufrieden drehe ich mich um. Der Papagei hat begonnen, sich seine Federn auszureißen. „Was machste denn da?“ frage ich. „Heute ist Tag der freien Körperkultur“, die flapsige Antwort „hast du denn von nichts `ne Ahnung?“ „Ich weiß nur, dass ich einen Vogel vor mir habe, der sich von selbst pfannenfertig macht, was zumindest aus der Vogelperspektive betrachtet ziemlich dämlich ist. Außerdem sieht das ekelhaft aus. Zieh dir was an!“ „Arschloch“, erwidert der Vogel und wirft sich einen Bademantel über. Mein Handy klingelt. Ich gehe ran. „Haste Bock heute Abend noch `nen Burger essen zu gehen?“, begrüßt mich mein Freund. Ich habe vergessen, wie genau er heißt. Ich tippe auf Tobias. „Du weißt doch, dass ich seit Mittwoch Vegetarier bin.“, antworte ich. „Immer noch? Bloß, weil sie dir einmal ein lebendiges Schwein auf den Teller gepackt haben? Das ist doch Schwachsinn! Vegetarisch ist total ungesund. Menschen haben doch schon immer Fleisch gegessen.“ „Hey, Papagei“, frage ich den Papagei „ist vegetarisch leben ungesund?“ „Oh nein, gar nicht“, erwidert mein Papagei, der bis dahin sehr interessiert zugehört hatte, „ganz im Gegenteil. Zahlreiche Studien haben bewiesen, dass…“ „Ich habe gehört, dass vegetarisch gesünder ist.“, spreche ich ins Telefon, „Wer hat dir das gesagt? Ich habe im Internet gelesen, dass vegetarisch echt nicht cool ist. Wegen dem Vitamin G, oder so.“ „Naja, wenn du das sagst, brate ich mir heute vielleicht doch noch einen schönen saftigen Vogel.“ Als der Papagei das hört, schreit er ängstlich auf und versucht, mit seinen federlosen Flügeln aus dem Fenster zu fliehen. Er bruchlandet in der Regenrinne. „Du, ich muss Schluss machen“, sage ich zu meinem Freund, „mein Papagei ist gerade bei einem missglückten Flugversuch in der Regenrinne geendet. Vielleicht können wir ja mal etwas anderes unternehmen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten lege ich auf. In dem Nest des Papageis liegen ein paar halb geschmolzene Schokokekse. „Hey“, rufe ich nach unten, „Versteckst du etwa Kekse vor mir?“ Als ich den Papagei aus der Regenrinne hole, fällt mir auf, dass sein Hinterteil mit geschmolzener Schokolade bedeckt ist. „Ach, deswegen auch immer die braunen Schwanzflossen“, grinse ich, „ich habe mich schon gewundert, weil Vögel ja eigentlich weiß…“ „Halt den Schnabel“, krächzt der Vogel müde.

Gerry Huster