Der Holztisch – Eine Hypotaxe

Der Holztisch – Eine Hypotaxe

Als ich an dem frühen Morgen des Sonntages, der schon seit den ersten seiner Stunden trüb und grau gewesen war,auf der Terrasse eines am Meer gelegenen kleinen französischen Cafés, welchesum die frühen Morgenstunden noch bis auf die freundlich und doch müde lächelnde, gerade an der Grenze dessen, was man als „Jugend“ zu bezeichnen pflegt, angekommene Bedienung, die hier erst seit eben diesem Tag in dem Café angestellt war und eine höflich-zuvorkommende alte Dame, die nun in Rente gegangen war, um sich mehr auf das zu konzentrieren, was sie das„Halbleben“ nannte, weil sie keine Kraft mehr fand, das ganze Leben zu leben, aber immer noch freundlich und geistreich aus ihren kleinen Äuglein unter denmächtigen Augenbrauen und dem ergrauten aber vollen lockigen Haar blitzte, ersetzt hatte, gänzlich leer war, wenn man von dem alten und struppigen und ungebeten treuen Hund, welcher einen mit Augen pflegte anzusehen, die von all dem Leidenund Trauern einer jeden intelligenten Kreatur sprachen, einmal absieht, der jeden Morgen kam, um sich unter dem an der Wand befestigten alten Heizkörper so lange von der Kälte der Nacht zu wärmen, bis ihn die alte Dame entdeckt und lachend-wütend aus dem Café gejagt hatte, die Morgenstunden genoss und die vom Meer, welches bei Flut bis an die Stufen der Terrasse reichte, sich jedoch an diesem Morgen zurückgezogen hatte, gesalzene und kühle Luft um meine Nase spielen ließ, während ich meine Ohren mithilfe einer Mütze vor der Kälte zu schützen versuchte, was mir mit allenfalls mäßigem Erfolg gelang, sowie eine einzelne Möwe bei ihrem majestätischen Gleitflug beobachtete, den sie nur ab und an unterbrach, um ins Meer hinabzutauchen und -augenscheinlich immer erfolglos- nach Fischen zu schnappen, sodass sie nun schon ob ihres Misserfolgs seit längerem über dem Meer glitt, während ich meinen heißen Kaffee, welchen ich selten trank, da mir dieses schwarze Gebräu ob seines bitteren Geschmacks für gewöhnlich zutiefst zuwider war, schlürfte und ab und an einen kleinen Bissen meines Croissants, das in dem Café gebacken worden war und ganz wie der Kaffee nach meiner bescheidenen Meinung das beste seiner Art war, auf einem kleinen grauen Stuhl an einem von der salzgeschwängerten Luft im Laufe der Jahre ganz ausgebleichten ehemals mahagonifarbenen Holztisch, der hier bereits seit den Jahrzehnten stand, die für mich zu früh gekommen waren und an dem die Spuren von ungezählten Fluten und Tellern und Essensresten und Kaffeeflecken und Regengüssen nicht spurlos vorüber gegangen waren, der aber dennoch rein und würdevoll jedem erschien, der das Glück hatte, sich an seine hölzerne Seite setzen zu dürfen und seines allzu offensichtlichen Alters zum Trotz nicht den Eindruck erweckte, seine ehrwürdige Tätigkeit als Unterlage und Stütze für all die Gäste des Cafés aufgeben zu wollen sondern vielmehr eine gar erotische und ewige Ausstrahlung hatte, die ihn für meinen Geist von allen anderen Tischen unterschied und der für immer an seinem Platz stehen zu wollen schien, um das Kommen und Gehen dieses blauen Giganten zu beobachten und das Gewimmel an Menschen unter dem blauen Himmel mit seinen Wolken in alter Weisheit ruhig über sich ergehen zu lassen, saß, betrachtete ich mich in einer Pfütze, die sich von dem letzten Regen, der vor einer guten Stunde in einem kurzen aber starkem Schauer, der mit starken Winden einherging, die in der Straße des Cafés zwei Straßenschilder umgeworfen hatten, niedergegangen war, in einer Kuhle auf demTisch gebildet hatte, spiegelte und mein Spiegelbild betrachtete, und wurde mir meiner Jugend bewusst, die sich auf diesem alten Tisch abzeichnete, wobei ich meine Mütze abnehmen musste, um mir durch meine vollen blonden und weichen Haare zu streifen, und die glatte Haut meines jungen und unerfahrenen Gesichtes zu betrachten und die darin gelegenen gerade über der wuchtigen und doch feingeschnittenen Nase platzierten Augen, welche das einzige Farbtüpfelchen zwischen dem grauen Himmel und meiner weißen Haut zu sein schienen, die in all der Ernsthaftigkeit, die die Jugend wohl aufzubringen vermag und in all der Weisheit, die sie vorzutäuschen in der Lage ist, erstrahlten, zu bestaunen, sowie meine von der trockenen Luft des beginnenden Winters ganz spröde und inTeilen gar aufgesprungenen Lippen anzuschauen, welche noch nie ihren Weg zudenen einer Frau gemacht hatten und ich bedauerte sie und entschuldigte mich bei ihnen, ihnen nie die Möglichkeit, die erste Erfahrung und den erstenKontakt mit ihrem weiblichen Gegenstück zu machen, gegeben zu haben, als mir einfiel, dass doch gerade morgen vor einem Jahr mein letzter Geburtstag gewesenwar und ich war mir ob der Ironie der Sache wohl bewusst.

Gerry Huster

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Ein ganz normaler Sonntagmorgen

Ich lege eine Schallplatte auf. Als die Nadel den Lack berührt, ertönt fröhliche Musik. Kurt Weill, Friedrich Hollaender, die Zwanziger Jahre halt. Angetrieben wird die Platte von kleinen Menschen, die sie im Kreis drehen. Auf der Stange, die die Nadel an ihrer Position auf der Schallplatte hält, tanzen weitere kleine Menschen zu der Musik. Charleston. Wie passend. Lächelnd drehe ich mich von der kleinen Parade in meinem Plattenspieler weg. Auf meiner Computertastatur hat ein Papagei sein Netz gebaut. Er hat ein herrliches Gefieder. Ich habe noch nie einen Vogel mit blauen, roten, gelben und grünen Federn gesehen. „Hallo“, sage ich. „Hallo“, krächzt er zurück. „Wie geht es dir?“ frage ich ihn. „Wie geht es dir?“ fragt er mich zurück. `Ah ja´, denke ich. `Papageien. Die mit dem Nachplappern´ Ich seufze und drehe die Musik lauter. Eine der Gestalten, die die Platte anschieben, kommt mit der Hand unter die Nadel. Ihre Schreie werden von der lustigen Musik übertönt. `Zieh‘ dich aus, Petronella…´ Das Blut des kleinen Wesens spritzt hoch zu den tanzenden Menschen. Die schauen sich um und sehen ganz entsetzt auf die Arbeiter unten um die Schallplatte herum. Einige kleine Damen fallen in Ohnmacht. Die Menschen unten haben aufgehört, die Schallplatte zu drehen. Die Musik ist verstummt. Das gefällt den Herren oben nicht. Sofort befehlen sie den Arbeitern die Schallplatte weiter anzuschieben. Die Musik ertönt wieder. Zufrieden drehe ich mich um. Der Papagei hat begonnen, sich seine Federn auszureißen. „Was machste denn da?“ frage ich. „Heute ist Tag der freien Körperkultur“, die flapsige Antwort „hast du denn von nichts `ne Ahnung?“ „Ich weiß nur, dass ich einen Vogel vor mir habe, der sich von selbst pfannenfertig macht, was zumindest aus der Vogelperspektive betrachtet ziemlich dämlich ist. Außerdem sieht das ekelhaft aus. Zieh dir was an!“ „Arschloch“, erwidert der Vogel und wirft sich einen Bademantel über. Mein Handy klingelt. Ich gehe ran. „Haste Bock heute Abend noch `nen Burger essen zu gehen?“, begrüßt mich mein Freund. Ich habe vergessen, wie genau er heißt. Ich tippe auf Tobias. „Du weißt doch, dass ich seit Mittwoch Vegetarier bin.“, antworte ich. „Immer noch? Bloß, weil sie dir einmal ein lebendiges Schwein auf den Teller gepackt haben? Das ist doch Schwachsinn! Vegetarisch ist total ungesund. Menschen haben doch schon immer Fleisch gegessen.“ „Hey, Papagei“, frage ich den Papagei „ist vegetarisch leben ungesund?“ „Oh nein, gar nicht“, erwidert mein Papagei, der bis dahin sehr interessiert zugehört hatte, „ganz im Gegenteil. Zahlreiche Studien haben bewiesen, dass…“ „Ich habe gehört, dass vegetarisch gesünder ist.“, spreche ich ins Telefon, „Wer hat dir das gesagt? Ich habe im Internet gelesen, dass vegetarisch echt nicht cool ist. Wegen dem Vitamin G, oder so.“ „Naja, wenn du das sagst, brate ich mir heute vielleicht doch noch einen schönen saftigen Vogel.“ Als der Papagei das hört, schreit er ängstlich auf und versucht, mit seinen federlosen Flügeln aus dem Fenster zu fliehen. Er bruchlandet in der Regenrinne. „Du, ich muss Schluss machen“, sage ich zu meinem Freund, „mein Papagei ist gerade bei einem missglückten Flugversuch in der Regenrinne geendet. Vielleicht können wir ja mal etwas anderes unternehmen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten lege ich auf. In dem Nest des Papageis liegen ein paar halb geschmolzene Schokokekse. „Hey“, rufe ich nach unten, „Versteckst du etwa Kekse vor mir?“ Als ich den Papagei aus der Regenrinne hole, fällt mir auf, dass sein Hinterteil mit geschmolzener Schokolade bedeckt ist. „Ach, deswegen auch immer die braunen Schwanzflossen“, grinse ich, „ich habe mich schon gewundert, weil Vögel ja eigentlich weiß…“ „Halt den Schnabel“, krächzt der Vogel müde.

Gerry Huster