Nee-ger

Nee-ger

Herr Aleman möchte gerne „Negär“ sagen
Das hat er schon als Kind so gemacht
Herr Aleman sagt:
„Nehgär“ heißt doch auch nur schwarz“

Herr Aleman hat eine Firma, da bewirbt sich
Ein „Nehgärr“, aber Herr Aleman nimmt ihn nicht
Nicht, weil er ein „Neehgärr“ ist, sondern
Weil er kein Deutsch spricht, vermutlich

Sonntag macht Herr Aleman einen Spaziergang
Ein „Neehg-Ärr“ sitzt an der Straße, eine Spritze im Arm
Herr Aleman ärgert sich, dass die Polizei nicht
Mit dem Gesindel aufräumt, also nicht nur mit denen

Sonntags gibt es bei Familie Aleman immer Fleisch
Mit dunkler Kruste, nur so schmeckt’s. Frau Aleman
Hört ihrem Mann zu, wie er über „Das Gehsindel“ schimpft und
Die Kinder auch

Als Herr Aleman zur Arbeit geht
Am nächsten Morgen sind die Straßen unruhig
„Neehg-Gär“, murmelt Herr Aleman
Das hat er schon als Kind so gemacht, aber damals
Blieben die Straßen ruhig

Gerry Huster

Dummheit?

Dummheit?

Seht nur die Kuh, sie kaut
Zweimal, denn sie ist dumm
Auf Dummheit ist ihr Kauen aufgebaut
Aus Dummheit bleibt sie lieber stumm

Wir jedoch, die wir die Welt gewonnen
Wir schlingen runter das, was wir bekommen
Lieber trunken nachgespült als gut gekaut
Und uns’re Stimmen klingen dünn und laut

So steh’n wir schwanken vor der Kuh, die ihre Augen
Nur halb geöffnet hat und weiterkaut
Und uns nicht sieht, weil sie doch gar nicht schaut

Nur ab und zu hört man sie Luft einsaugen
Wenn sie mit Wiederkäuen fertig ist
Hebt sie den Schwanz und macht ’nen Haufen Mist

Gerry Huster

Gespräch mit einem (schuldigen) Menschen

Gespräch mit einem (schuldigen) Menschen

Direkt hinter der Haustür ist bei mir der Ort, der in jedem Haus
Gebraucht wird, um den Körper Körper sein zu lassen
Und fortzuschaffen all die Massen
Die ganzen Jahre presst er unten raus

Manchmal, wenn man dort sitzt und es unter einem dröhnt
Fliegt ein Brief herein, das ist ganz nützlich, denn
Da er doch meistens nichts zu sagen hat und wenn
Dann kommt sicher ein zweiter Brief, ich hab‘ mich dran gewöhnt

Drum kann ich ohne Sorgen diesen Brief
Tief in das Ungesagte führen
Und dabei mit Erschauern spüren
Wie er mich befreit von dem, was aus mir lief

Nur einmal kam ein Brief zu spät
Ich stand schon auf und war bereits befreit
Vom dunklen Klumpen der Vergangenheit
Ich nahm und las in ihm: Es steht in Pflicht, wer sät

Gerry Huster

Spaziergang über einen Friedhof

Spaziergang über einen Friedhof

Die Einrichtung der Welt ist schwer ergründlich
Und niemals ganz das Dickicht zu durchschau’n
Des Lebens Blatt hängt schwach und fällt vom Baum
Es scheint manchmal zu früh; zu spät; nie pünktlich

Ein Wind ist schwer zu fassen, denn er fließt
Durch uns’re schwachen Hände, wenn er will
Und scheint die ganze Welt in Trauer still
Sieht man im Fluss, wie Leben sich ergießt

Man steht dort zwischen Steinen, ist verblieben
Aus jedem Toten wächst ein fauler Zahn
Darunter liegt wer, dessen Weg getan

Voll Scham wird er von dieser Welt gemieden
(Das sah ich auf einen Grabstein geschrieben
Ganz zufällig)

Gerry Huster

Erste Verklärungen

Erste Verklärungen

Wenn sie einem ein Denkmal errichten wollen
Ist sein Körper schon krank und
Die Haut auf seiner Stirn zerfressen wo
Sie ihn schlugen und schlagen ließen

Sie aber zeichnen ihn und
Machen ihn gesund und geben
Ihm eine Stirn die glatt
Und sorglos ist frei von ihren Malen

Wenn sie dann auf den Stein einhauen
Schneiden sie seinen krummen Körper ab gleich unter
Dem Hals noch lang genug
Um eine Schlinge drum zu legen

Und er schaut in das fremde Gesicht aus Stein
Schön ist es nicht für ihn
Sondern für sie gemacht
Und mitleidig sieht er in ihnen
Das Hässliche, das sie aus ihm herausgeschnitten haben

Gerry Huster

Versuchte Begegnung

Versuchte Begegnung

Wenn an einem schönen Tag zwei entgegenkommen
Und der Eine verspürt den Drang die Hand an den Hut zu legen
Dann nickt der Andere und stumm
Aus der Ferne grüßen sie sich
Denn man könnte so viel voneinander erfahren

Wenn sie dann stumm weitergehen
Aneinander vorbei
Sind beide erleichtert
Über die glückliche Begegnung

Gerry Huster

Die Entdeckung der Anderen

Die Entdeckung der Anderen

Ich sitze in einem raum
alleine, sonst
ist der raum mit menschen gefüllt und
verstopft doch jetzt
sehe Ich staunend die leeren wände egal

wie Ich mich aufblase hier
alleine, groß
und blank bleiben die wände und
ich selber kann
sie nicht ausfüllen ohne die Anderen

Gerry Huster

Die letzte Straße

Die letzte Straße

Vor dem offenen Fenster ein Vorhang aus Glas
Der Wind bläst ihn manchmal auf
Wo er hängt schon seit Jahren an Staub sich weiß fraß
Wie Milch sieht er langsam aus

Ohne Menschen dahinter die Straße aus Sand
Ein Hund knurrt drin ab und zu
Gegenüber noch Häuser dahinter noch Land
Man weiß es kommt eine Flut

Oben Himmel hellblau hängt er da wie ein Zelt
Und kalt bleibt er sonnenlos
Eine Wolke die fett schon als Regen zerfällt
Der Schweiß rinnt und tropft in Kot

Vor dem Fenster am Vorhang steht nachts oft ein Bett
Ein Mensch liegt ganz wund darin
Und der Staub fliegt der Mensch frisst nur Staub und wird fett
Am Tag presst er Staub zu Kind

Gerry Huster

(Brand-)Mauer(-Fall)

(Brand-)Mauer(-Fall)

Keine Mauer ist für die Ewigkeit
Von schwachen Händen gemacht
Das haben wir froh in Berlin geseh‘n
Das hält uns jetzt schmerzsam wach

In Berlin wurden wieder zum Schutz vor sich selbst
Mit Worten Mauern gebaut
Und doch wird schon gefressen was blau ist gefärbt
Und braun wird wenn man es verdaut

Die Mauern die sie ringsumher sich gebaut
Sind längst schon zu Fesseln geworden
Sie wackeln im Sturm der rings um sie tobt
Und fallen; Es schützt nichts vorm Morgen

Jede Mauer wird fallen so weiß es die Zeit
Und Schutt wird was groß ist beerben
Und Monster lauern dahinter erdacht
Von uns. Und schon gibt es ein Sterben

Gerry Huster

Über die Aufzucht roter Nelken

Über die Aufzucht roter Nelken

Rote Nelken wachsen gern im Tal auf hartem Boden
Es braucht drum keine Berge doch den Himmel ganz weit oben
Rote Nelken atmen gern der Freiheit höchste Schranken
Sie wollen keinen Dank noch sich bei niemandem bedanken

Rote Nelken wachsen zart und blühen nur von selber
Es darf nur nicht zu dunkel sein und wässre gut die Felder
Rote Nelken wachsen viel und sind doch schnell erloschen
Drum sei mit ihnen viel und schnell und gut und nur gesprochen

Den harten Schritt von braunen Lederstiefeln
Ein Gewehr das in der Sonne blitzt
Und eine Stimme die da schreit parieren

Das Siegelwachs von gut verschlossnen Briefen
Wo sie aus Angst, Wut und Verzweiflung schwitzt
Pass auf, Mensch, denn so vieles kann passieren

Gerry Huster